Archiv für April 2007


Eine emanzipierte Frau

28. April 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Mathilde Möhring ist die Titelheldin von Theodor Fontanes letztem Roman. Er hatte ein ersten Entwurf zwar abgeschlossen, ist dann aber während der Überarbeitung gestorben.

Seine Heldin ist eine junge Frau, die zu Anfang des Buches mit ihrer Mutter zusammenlebt. Um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, vermieten sie ein Zimmer ihrer Wohnung an Studenten. Mathilde macht sich keine Hoffnungen auf eine Ehe, denn sie ist keine Schönheit, und ihre Mutter kann ihr keine Mitgift mitgeben. Deshalb will sie auch Lehrerin werden.

Doch dann zieht Hugo Großmann bei den Möhrings ein. Hugo ist ein etwas verbummelter Jura-Student, und in ihm erblickt Mathilde ihre Chance auf ein anderes Leben. Sie bringt Hugo auf Trab, sorgt dafür, dass er sein Studium abschließt und ihr einen Heiratantrag macht, und sucht ihm dann eine Stellung.

Hugo wird Bürgermeister von Woldenstein in Westpreußen. Alleine hätte er hier vielleicht eine etwas ärmliche Figur gemacht, aber er hat ja Mathilde. Sie fängt nun an, im verschlafenen Woldenstein Politik zu machen, hat bald beste Beziehungen zum Landrat und bereitet die weitere politische Karriere ihres Mannes vor.

Da nimmt Hugo eines Wintertages an einem Ausflug aufs Eis teil, zieht sich eine Lungenentzündung zu und stirbt. Mit einem Schlag ist Mathildes Rolle auf der politischen Bühne ausgespielt: Ohne ihren Mann zählt sie nichts, wie begabt sie auch immer sein mag. Resigniert muss sie nach Berlin zurückkehren.

Dieser kleine Roman Fontanes schildert ganz ungeschminkt die Gesellschaft seiner Zeit, mag aber auch hier und da noch als Spiegel für unsere eigene Zeit dienen.

Theodor Fontane: Mathilde Möhring. Aufbau Verlag, 1995. ISBN-13: 978-3-7446-5267-7. Preis: € 4,–.

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5000 Jahre Buchgeschichte

21. April 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Wann wurde das Alphabet erfunden? Seit wann gibt es Literatur? Was verwendete die Antike für Schreibmaterialien? Wie wurde Pergament hergestellt? Ist Gutenberg mit seiner Erfindung reich geworden? Seit wann gibt es Taschenbücher? Wie kommt der Text vom Computer ins Buch?

Diese und viele andere Fragen beantwortet “Das Buch vom Buch”, eine Geschichte des Buches, die alles von der Erfindung des Alphabets im mediterranen Kulturraum bis hin zum Internet und anderen modernen Publikationsformen umfasst.

Der großformatige Band (32 x 22 cm) enthält auf über 500 Seiten zu allen Epochen ausführliche Texte und ist reichhaltig und überwiegend farbig bebildert. Allein wegen der hervorragenden Abbildungen sollte jeder Bücherfreund den Band einmal in die Hand nehmen und in Ruhe durchblättern.

Die beiden Autoren – eine Buchwissenschaftlerin und ein Kulturjournalist – haben mit sicherem Gespür für das Wesentliche die Geschichte des Buchwesens zu einem spannenden Streifzug durch die Kulturgeschichte werden lassen. Sie machen für jede Epoche immer auch das zeitgeschichtliche, ökonomische und gesellschaftliche Umfeld deutlich, in dem sich die Entwicklung des Buchwesens abgespielt hat. Dabei widmen sie sich ebenso gründlich der ästhetischen wie der technischen Seite der Buchherstellung.

Das Tüpfelchen auf dem i aber ist die sorgfältige typographische Gestaltung des Bandes durch Hans Peter Willberg, der zu Recht lange Jahre als der “Papst” der deutschen Typographen galt.

Marion Janzin / Joachim Güntner: Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte. 3., überarb. u. erw. Aufl. Schlütersche Verlagsges., 2007. ISBN-13: 978-3-89993-805-0. Preis: € 88,–.

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Vom großen weißen Wal

14. April 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Als 1851 Herman Melvilles Meisterwerk “Moby-Dick” zuerst in London und einen Monat später auch in New York erschien, war er sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum ein beinahe vollständiger Misserfolg. Zwar gab es in England einige wenige wenigstens nicht unfreundliche Kritiken, aber die Verkaufszahlen waren katastrophal. Während der vierzig Jahre, die Melville noch erlebte, wurden überhaupt nur 3.000 Exemplare des Buches verkauft.

Erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Melville und sein “Moby-Dick” von einer Gruppe New Yorker Kritiker wiederentdeckt. Seitdem gilt das Buch als einer der Klassiker der amerikanischen Literatur. Auch die zahlreichen Übersetzungen und “Bearbeitungen für die heranwachsende Jugend”, die es im Deutschen gibt, machen den Rang deutlich, den das Buch inzwischen erworben hat.

In den letzten Jahren sind nun gleich zwei neue Übersetzungen des “Moby-Dick” erschienen. Der einen – von Matthias Jendis bei Hanser – liegt die andere von Friedhelm Rathjen bei Zweitausendeins zugrunde. Wie es dazu kam, ist eine zu lange Geschichte, um sie hier zu erzählen. Wichtig ist nur, dass die Übersetzung von Friedhelm Rathjen diejenige ist, die dem Melvilleschen Original am nächsten kommt.

Nun ist es nicht jedermanns Sache, sich durch 800 Seiten zum Teil sehr anspruchsvollen Text zu arbeiten. Zum Glück gibt es aber eine vollständige Hörbuch-Fassung der Rathjenschen Übersetzung, die einer der besten deutschen Sprecher, Christian Brückner, eingespielt hat. Sie umfasst ca. 30 Stunden auf zwei mp3-CDs, bereit zur Nutzung auf einem mp3-Player oder am Computer problemlos auf normale CDs übertragbar.

Herman Melville: Moby-Dick; oder: Der Wal. Deutsch von Friedhelm Rathjen. Gelesen von Christian Brückner. Zweitausendeins, 2006. Preis: € 39,90.

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Von A bis Z

7. April 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Wenn jemand versuchen würde, die langweiligsten Dinge aufzuzählen, über die man ein Buch schreiben kann, so würde sich – falls derjenige überhaupt darauf käme – das Lesen eines Lexikons mit Sicherheit ziemlich weit oben auf der Liste befinden. Zu Unrecht, wie uns das Buch »Britannica & ich« von A. J. Jacobs beweist.

Jacobs ist ein amerikanischer Journalist, der sich vor einigen Jahren dazu entschlossen hat, die Encyclopaedia Britannica komplett durchzulesen. Die Britannica ist das bedeutendste englischsprachige Lexikon; sie hat 32 Bände mit zusammen etwa 33.000 Seiten und 65.000 Stichwörtern – einige davon mit buchlangen Artikeln. Und Jacobs hat diesen Papierberg in 15 Monaten bewältigt. Er gibt offen zu, nicht jede Seite mit der gleichen Aufmerksamkeit gelesen zu haben, aber immerhin hat er sie alle gelesen.

So weit, so verrückt. Das wunderbare aber ist, dass es Jacobs gelungen ist, in seine Lektüre zu einer spannenden, witzigen und oft skurrilen Geschichte zu verarbeiten: Von A bis Z folgen wir ihm auf einem abenteuerlichen Weg durch einen Dschungel des Wissens. Wir erleben mit, wie ihn Freunde und Arbeitskollegen zuerst etwas irritiert von der Seite anschauen, schließlich aber beginnen, ihn ernst zu nehmen. Wir verfolgen gespannt seinen Versuch, in der amerikanischen Version von »Wer wird Millionär?« sein Wissen in bares Geld umzumünzen. Und wir freuen uns mit ihm, als – ganz unabhängig von der Lektüre – nach langer Zeit seine Frau endlich schwanger wird und Jacobs Lektüre plötzlich eine väterliche Perspektive bekommt. – Ein ungewöhnliches und amüsantes Buch!

A. J. Jacobs: »Britannica & ich«. Aus dem Amerikanischen von Thomas Mohr. List, 2006. 427 Seiten. ISBN 13: 978-3-471-79513-2. Preis: € 19,95.

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