Archiv für Mai 2007


Wahre Liebe und edle Abenteuer

26. Mai 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Das Buch beginnt damit, dass der Autor seinem Sohn Jason zum 10. Geburtstag ein Buch schenkt, das ihm als Kind von seinem Vater vorgelesen wurde und das ihn damals begeistert hat. Jason teilt diese Begeisterung aber nicht, und als Goldman das Buch daraufhin zum ersten Mal selbst liest, muss er zu seiner Überraschung feststellen, dass ihm sein Vater damals nur Auszüge vorgelesen hatte.

Also setzt er sich hin und verfasst für seinen Sohn eine Kurzfassung: »Die Brautprinzessin. S. Morgensterns klassische Erzählung von wahrer Liebe und edlen Abenteuern. Die Ausgabe der ›spannenden Teile‹«. Und diese »Ausgabe der spannenden Teile« bekommen auch wir zu lesen. Für die dabei angeblich übersprungenen Passagen liefert Goldman Zusammenfassungen, die im Druck rot hervorgehoben sind.

»Die Brautprinzessin« ist ein Buch voller Phantasie und Witz: Einerseits erzählt Goldman eine überschäumende Abenteuergeschichte, der es an nichts fehlt: »Fechten. Ringkämpfe. Folter. Gift. Wahre Liebe. Hass. Rache. Riesen. Jäger. Böse Menschen. Gute Menschen. Bildschöne Damen. Schlangen. Spinnen. Wilde Tiere jeder Art und in mannigfaltigster Beschreibung. Schmerzen. Tod. Tapfere Männer. Feige Männer. Bärenstarke Männer. Verfolgungsjagden. Entkommen. Lügen. Wahrheiten. Leidenschaften. Wunder.« Andererseits erlaubt ihm die Fiktion von der Zusammenfassung der übersprungenen Abschnitte, eine zweite, ironische Ebene des Erzählens aufzubauen. Und zwischen diesen beiden Ebenen hat Goldmann ein wundervolles und immer wieder überraschendes Gleichgewicht gefunden.

William Goldman: Die Brautprinzessin. Deutsch v. Wolfgang Krege. dtv Taschenbuch 20854. 424 Seiten. ISBN-13: 978-3-423-20854-3. Preis: € 9,90.

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Lauter Bibliotheken

19. Mai 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Candida Höfers Bildband »Bibliotheken« geizt mit Worten: Zwar bildet ein Essay von Umberto Eco das Vorwort, in dem Eco über die die absolute, die schlechte und die gute Bibliothek philosophiert. An einer Stelle befürchtet Eco die Verdrängung des Buches durch »Lesegeräte und Mikrofiches« (der Essay stammt aus dem Jahr 1981), was beinahe schon einen Hauch von Nostalgie aufkommen lässt.

Bis auf den kurzen Anhang, der immerhin ein Ortsregister liefert, enthält der Band aber sonst ausschließlich Fotografien von Bibliotheken in Europa und Amerika. Gezeigt werden alle Bereiche: Lesesäle, Buchmagazine, Kataloge, Verwaltungsbüros, leere Regale und hoch aufgetürmte Bücherwände, üppige barocke Bibliotheksarchitekturen, modern karge Zweckräume oder fast bedrückend wirkende Kellerverliese, Klassiker (etwa die Bibliothek des Trinity College in Dublin) und schlafende Schönheiten (etwa eine leergeräumte Kirche in San Augustin, Mexiko, von der wir nicht erfahren, ob sie einst als Bibliothek gedient hat oder ob sie erst noch eine werden soll).

Nur hier und da sind Leser, also die Nutzer der Bibliotheken auf den Bildern zu finden. Diese Menschenleere erzeugt eine besondere Wirkung, zumindest beim echten Buchliebhaber: Die Bilder öffnen sich ihm als Spielwiese der Phantasie – allein zu sein mit dieser überwältigenden Fülle von Bänden, sich wenigstens für den Moment einbilden zu dürfen, dies sei die eigene Bibliothek, ganz angepasst an die eigenen Interessen und Neigungen, gefüllt mit den ausgesuchtesten Ausgaben.

Ein Band für die Pausen zwischen den Romanen.

Candida Höfer: Bibliotheken. München: Schirmer/Mosel, 2005. 272 Seiten (24,5 x 30 cm) mit 137 Farbfotos. ISBN-13: 978-3-8296-0178-8. Preis: € 78,–.

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Nachrichten aus Zamonien

12. Mai 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Als 1999 »Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär« von Walter Moers erschien, hatte wohl kaum jemand dem bekannten Comic-Zeichner einen solch umfangreichen Roman zugetraut. Das Buch rundete nicht nur die erfolgreiche Serie von Lügengeschichten ab, die Moers sich für »Die Sendung mit der Maus« ausgedacht hatte, sondern Moers erfand gleich eine neue Welt hinzu: Zamonien – ein Inselkontinent voller unheimlicher Landschaften wie etwa der Süßen Wüste oder dem Hutzengebirge, bevölkert von ganzen Heerscharen fantastischer Lebewesen wie den dichtenden Lindwürmern, Buchlingen, Nattifftoffen, Wolpertinger und viele andere mehr. Inzwischen hat Walter Moers vier umfangreiche Zamonien-Romane geschrieben und arbeitet derzeit am fünften, der im Herbst unter dem Titel »Der Schrecksenmeister« erscheinen soll.

Zuletzt ist im Jahr 2004 »Die Stadt der träumenden Bücher« herausgekommen. Angeblich handelt es sich um ein Buch des berühmten Lindwurm-Dichters Hildegunst von Mythenmetz, der erzählt, wie er in seiner Jugend Buchhaim aufgesucht hat, eine Stadt, die sich ausschließlich der Herstellung und dem Verkauf von Büchern gewidmet hat. Hier leben in unterirdischen Katakomben die Buchlinge, einäugige, kleine Wesen, die sich jeweils einem einzigen Dichter verschrieben haben, dessen Namen sie tragen und dessen Werke sie auswendig kennen. Sie ernähren sich durch Lektüre und sind auch sonst durch und durch literarische Wesen.

Walter Moers ist mit der Erfindung von Zamonien etwas besonderes gelungen: Er hat eine detailreiche, gänzlich fantastische und zugleich humorvolle Welt erfunden, wie sie in der Literatur ihresgleichen sucht. Alle Zamonien-Romane wurden zudem von Moers selbst reichhaltig illustriert.

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher. Piper Taschenbuch 4688. ISBN-13: 978-3-492-24688-0. Preis: € 10,–.

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Ein Sommer in Baden-Baden

5. Mai 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Im Jahr 1867 verlässt Fjodor Michailowitsch Dostojewskij zusammen mit seiner jungen, zweiten Ehefrau Anna Grigorjewna fluchtartig Russland. Er muss sich seinen Gläubigern entziehen, die nach dem überraschenden Tod seines Bruders versuchen, die Schulden der beiden Brüder einzutreiben, die aus dem Bankrott ihrer gemeinsam herausgegebenen Zeitschrift stammen.

Dostojewskij lässt sich vorerst in Dresden nieder. Im Sommer reist er mit seiner Gattin nach Baden-Baden in der Hoffnung, dort im Kasino genug Geld gewinnen zu können, um seine Schulden zurückzahlen und nach Russland zurückkehren zu können. Er ist ein leidenschaftlicher Spieler, und es ergeht ihm am Roulettetisch so, wie es einem Spieler ergehen muss: Er kann erst den Tisch verlassen, wenn er seinen letzten Kreuzer verspielt hat. Tag um Tag sitzt er im Kasino, solange bis auch die letzten finanziellen Reserven verloren sind. Als seine Frau und er endlich weder ein noch aus wissen, rettet sie eine telegrafische Geldanweisung aus ihrer Not: Sie können die ausstehende Miete in ihrer Pension bezahlen, Kleidung und Schmuck auslösen, die sie versetzt hatten, und Fahrkarten kaufen, um Baden-Baden endlich zu verlassen. Und selbst in dieser Situation kann sich Dostojewskij nicht gänzlich vom Roulette losreißen.

Diese dramatischen Wochen stehen im Mittelpunkt des einzigen Romans von Leonid Zypkin (1926–1982), der erst aus dem Nachlass veröffentlicht wurde. Der Roman macht nicht nur neugierig auf den Menschen Dostojewskij, sondern die immer wieder eingestreuten Exkurse zu Dostojewskijs Büchern und Figuren machen auch Lust, sich wieder einmal in eine der ausschweifenden Romanwelten dieses außergewöhnlichen russischen Klassikers zu versenken.

Leonid Zypkin: Ein Sommer in Baden-Baden. Berlin Verlag, 2006. ISBN-13: 978-3-8270-0488-8. Preis: € 19,90.

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