Archiv für Juli 2007


Ein verhängnisvoller Tag

28. Juli 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Briony Tallis ist ein 13-jähriges, phantasievolles und leicht überspanntes Mädchen, das gerne Schriftstellerin werden möchte. Gerade erst hat sie ein kleines Theaterstück fertiggestellt. Da beobachtet sie an einem Vormittag im Sommer 1935 von ihrem Fenster aus eine seltsame Szene zwischen ihrer zehn Jahre älteren Schwester Cecilia und dem Ziehsohn des Hauses, Robbie Turner. Sie reimt sich zwar etwas zusammen, begreift aber nicht wirklich, was zwischen den beiden vorfällt. Dann spielt ihr der Zufall einen diskreten Brief Robbies an Cecilia in die Hand, und noch später am selben Tag überrascht sie die beiden in einer sehr intimen Situation in der Bibliothek des Hauses. All dies verdichtet sich in ihr zu der Vorstellung, Robbie sei ein »Psychopath«. Als sich die Dramatik des Tages darin zuspitzt, dass ihre nur wenig ältere Kusine Lola im nächtlichen Garten überfallen und vergewaltigt wird, ist Briony der festen Überzeugung, dass Robbie der Täter sein müsse. Und so behauptet sie, ihn am Tatort erkannt zu haben.

Ihre Zeugenaussage ruiniert nicht nur Robbies Leben, der für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis kommt und auch dann nur entlassen wird, weil er sich freiwillig zum Militärdienst meldet, sondern auch das ihrer Schwester, die sich von ihrer Familie abwendet, und beinahe auch ihr eigenes. Als sie sich endlich entschließt, ihren Fehler einzugestehen, ist es vielleicht schon zu spät …

Ian McEwan hat mit diesem mehrfach preisgekrönten Roman ein psychologisches Meisterwerk geschrieben. Besonders die Entwicklung von Brionys Missverständnis ist von beispielloser Eindringlichkeit und Klarheit.

Ian McEwan: Abbitte. SPIEGEL Edition Bd. 9. ISBN: 978-3-87763-009-9. Preis: € 9,90.

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Über John Updike

21. Juli 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

John Updike ist einer der auch in Europa erfolgreichen us-amerikanischen Autoren. Spätestens seit seinem skandalträchtigen Bestseller »Ehepaare« hat er auch in Deutschland eine treue Leserschaft, die jedes neue Buch mit Spannung erwartet. Und das sind nicht wenige: Im Rhythmus von etwa zwei Jahren legt Updike seine umfangreichen Romane dem Publikum vor. Während hierzulande hauptsächlich seine erzählerischen Werke bekannt sind, ist er in seiner Heimat auch als Literaturkritiker und Essayist berühmt.

Pünktlich zum 75. Geburtstag Updikes in diesem Jahr hat der Hamburger Journalist Volker Hage, der sich seit vielen Jahren als Kenner der literarischen Moderne ausgewiesen hat, eine erste deutschsprachige Biographie über Updike vorgelegt. Das schmale Bändchen enthält in Kürze alles Wesentliche über Updike und sein umfangreiches Werk.

Wir lernen Updikes Herkunft aus provinziellen und ärmlichen Verhältnissen kennen, aus denen sich auch sein Fleiß und seine Schreib-Disziplin erklären. Nach dem Studium macht Updike eine Blitz-Karriere als Autor: Die renommierte Zeitschrift »The New Yorker« druckt nicht nur seine ersten Erzählungen, sondern bietet ihm bald auch einen Posten als Redakteur an. Mit »Hasenherz«, dem ersten Band der Rabbit-Tetralogie, begründet Updike dann 1960 seinen Ruf als Romanautor. Aber erst »Ehepaare«, ein Roman über Ehe, Liebe und Sex in der amerikanischen Provinz der 60-er Jahre, macht ihn 1968 beinah über Nacht zu einem weltweit bekannten Schriftsteller. Seitdem hat er mit seinen Büchern die Entwicklung der us-amerikanischen Gesellschaft konsequent und scharfsichtig begleitet.

Volker Hage: John Updike. Rowohlt Verlag, 2007. ISBN: 978-3-498-02989-0. Preis: € 16,90.

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Eine Schulstunde

14. Juli 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

In seinem letzten Lebensjahr hat Alfred Andersch noch einmal eine Geschichte um die autobiographische Figur Franz Kien aufgeschrieben: »Der Vater ein Mörders«. Es ist die sechste, längste und in der Chronologie der Ereignisse früheste Erzählung.

»Der Vater eines Mörders« berichtet von einer einzigen Schulstunde im Jahr 1928, einer Griechisch-Stunde, die dazu führt, dass Franz Kien vorzeitig das Wittelsbacher Gymnasium in München verlassen muss und eine Buchhändlerlehre beginnt. Franz Kien ist ein schlechter Schüler, obwohl er ein heller Kopf und genauer Beobachter ist und sich über viele Dinge seine eigenen Gedanken macht. Aber Schule interessiert ihn nicht, und Griechisch interessiert ihn am wenigsten.

An dem verhängnisvollen Tag taucht unangemeldet der Rektor des Gymnasiums in der Klasse auf, um einige Schüler einer Prüfung zu unterziehen, darunter auch Franz. Der wird erst später verstehen, dass diese Schulstunde nur eine Inszenierung ist, um ihn von der Schule zu verweisen. Denn Franz’ Vater, ein Kriegsveteran, ist krank, erhält aber keine Pension und kann schon lange das Schulgeld für seine beiden Söhne nicht mehr aufbringen …

Was diese kleine Erzählung heraushebt, ist, dass zu dieser Zeit Joseph Himmler der Rektor des Wittelsbacher Gymnasiums war, der Vater des späteren SS-Führers Heinrich Himmler. Ihre gut 120 Seiten werfen ein Schlaglicht auf die gesellschaftliche und politische Lage in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen. Ein Buch, das keine vorschnellen Urteile fällt und seine Leser nachdenklich zurücklässt.

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders. Diogenes Taschenbuch. ISBN: 978-3-257-23608-8. Preis: € 7,90.

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Ein unvollendetes Leben

7. Juli 2007, 00:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Seit Lasse Hallström 1993 mit seinem Film »Gilbert Grape« den Sprung in die USA geschafft hat, entstehen unter seiner Leitung regelmäßig cineastische Perlen: »Gottes Werk und Teufels Beitrag« (1999), »Chocolat« (2000) und »Schiffsmeldungen« (2001) seien nur als Beispiele genannt. »An Unfinished Life« (2005), den der deutsche Verleih leider etwas ungeschickt »Ein ungezähmtes Leben« betitelt hat, setzt diese Reihe nahtlos fort.

Erzählt wird die Geschichte Einar Gilkysons (Robert Redford), eines Farmers in Wyoming, der vor mehr als zehn Jahren seinen Sohn durch einen Autounfall verloren hat. Er ist über diesen Verlust nie hinweggekommen und lebt seitdem beinahe als Einsiedler: Nur sein alter Freund und Mitarbeiter Mitch Bradley (Morgan Freeman), der sich nach einem Angriff durch einen Bären nur noch unter Schmerzen und auf Krücken fortbewegen kann, haust mit auf der Farm.

Da taucht eines Tages Einars Schwiegertochter Jean (Jennifer Lopez) auf, und sie bringt ihre Tochter Griff (Becca Gardner) mit, Einars Enkelin, von der er bislang nichts wusste. Jean ist auf der Flucht vor ihrem Lebenspartner, einem gewalttätigen Mann, der sie und ihre Tochter geschlagen hat. Einar und Jean haben einander seit der Beerdigung von Einars Sohn nicht mehr gesehen, denn Einar macht Jean für den Tod seines Sohnes verantwortlich. Dennoch erlaubt er den beiden, für einige Wochen auf der Farm zu bleiben.

Und dieser Entschluss bringt Bewegung in Einars festgefahrenes Leben: Im täglichen Umgang mit seiner Enkelin findet der alte Menschenfeind zu der einzigen Familie zurück, die ihm geblieben ist …

»Ein ungezähmtes Leben«. USA, 2005. DVD, Tobis / UFA. Länge: ca. 104 Minuten. Sprachen: Deutsch und Englisch. Extras: Making of; Kommentar von Regisseur und Produzent; Interviews. FSK: ab 6 Jahre. Preis: ca. € 10,–.

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