29. September 2007, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Am 30. September 2007 wäre Jurek Becker vielleicht 70 Jahre alt geworden. Vielleicht, denn er kannte sein tatsächliches Geburtsdatum selbst nicht: Beckers Vater hatte seinen Sohn im Ghetto von Lodz um einige Jahre älter gemacht, um ihn wenigstes vorerst vor der Deportation zu bewahren. Jurek kam dann 1944 zusammen mit seiner Mutter ins KZ Ravensbrück. Seine Mutter starb an den Folgen der Inhaftierung, noch nachdem das Lager von der Sowjet-Armee befreit worden war. Als Jureks Vater seinen Sohn schließlich wiederfand, hatte er dessen Geburtsdatum schlicht vergessen. Und so wurde durch eine eidesstattliche Erklärung der 30. September 1937 dazu gemacht.
Jurek Becker hat vieles von den Erfahrungen und dem Charakter seines Vaters in seinem Roman »Der Boxer« (1976) verarbeitet: Protagonist ist der KZ-Überlebende Aron Blank. Aron sucht sich seinen Platz in der Ostberliner Nachkriegswelt: Er ändert seinen Vornamen in Arno, macht sich sechs Jahre jünger und arbeitet zuerst als Buchhalter eines Schwarzmarkt-Königs, später als Dolmetscher der sowjetischen Besatzer. Aber der Mittelpunkt seines Lebens ist Mark, das einzige seiner drei Kinder, das den Holocaust überlebt hat. Aron sorgt dafür, dass der kranke Mark aus dem süddeutschen Lager nach Berlin verlegt wird, versorgt ihn mit Lebensmitteln, um ihn wieder aufzupäppeln, und als Mark endlich nach Hause entlassen wird, verpflichtet er Marks Lieblings-Krankenschwester als Haushälterin und nicht zuletzt als Geliebte. Trotz diesem Versuch, Mark wenigstens das Grundgerüst einer Familie zu bieten, gelingt es Aron nie, seine eigene Isolation zu durchbrechen. Und so wird es mit den Jahren immer einsamer um ihn her …
Jurek Becker: Der Boxer. Suhrkamp Taschenbuch 2954. ISBN: 978-3-518-39454-0. Preis: € 6,99.

Loading ...
Kommentieren » | Buch
22. September 2007, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Als Alan Alexander Milne (1882-1956) daran ging, ein Buch mit Geschichten für seinen Sohn Christopher Robin aufzuschreiben, war er ein mäßig erfolgreicher, englischer Roman- und Bühnenautor. Nachdem dann 1926 »Pu der Bär« erschienen war, veränderte dies sein Leben für immer. Milne schrieb zwar auch weiterhin Erzählungen und Theaterstücke, aber Ende der 1930er-Jahre gab es für seine Erwachsenenbücher nahezu keine Leser mehr. In den Augen des Publikums und der Kritik war Milne einer der besten Kinderbuch-Autoren seiner Zeit, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Dieser Erfolg beruht im Wesentlichen auf vier Büchern, von denen sich zwei um Christopher Robin und seine Stofftiere drehen: außer »Pu der Bär« das zwei Jahre später erschienene »Pu baut ein Haus«. Beide Bücher erzählen von einer kleinen Gesellschaft von Stofftieren, in deren Mittelpunkt der Teddy Winnie-der-Pu und sein bester Freund Ferkel stehen. Weitere unvergessliche Gestalten sind der pessimistische Esel I-Ah, die »weise« Eule, Mutter Känga und ihr Kind Ruh und nicht zuletzt der Springinsfeld Tieger. Milnes stiller Humor und seine ebenso einfache wie prägnante Charakterzeichnung der Figuren haben die beiden Bücher nicht nur zu Klassikern der Kinder-, sondern zu Weltliteratur werden lassen.
Die Pu-Gesamt-Ausgabe beim Dressler Verlag bietet nicht nur die sorgfältige und phantasievolle Übersetzung Harry Rowohlts, sondern sie druckt auch die feinen Illustrationen der Originalausgaben von E.H. Shepard wieder ab, die er an die echten Stofftiere Christopher Robins angelehnt hat. Diese Stofftiere kann, wer will, heute übrigens in der New York Public Library besuchen.
A.A. Milne: Pu der Bär. Gesamtausgabe. Deutsch von Harry Rowohlt. Dressler Verlag, 1997. ISBN: 978-3-7915-1324-9. Preis: € 13,90.

Loading ...
Kommentieren » | Buch
15. September 2007, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Daniil Charms (1905-1942), bürgerlich Daniil Iwanowitsch Juwatschow, hatte ein kurzes und entbehrungsreiches Leben. Er wurde in der Sowjetunion die meiste Zeit seines Lebens politisch verfolgt und konnte sich und seine Familie nur kümmerlich durch die Veröffentlichung von Kinderbüchern und -gedichten ernähren. Er verhungerte schließlich während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht als politischer Insasse der Gefängnispsychiatrie. Sein eigentliches Werk wurde erst Jahrzehnte nach seinem Tod aus dem Nachlass heraus entdeckt.
Wäre Charms ein westeuropäischer Autor gewesen, hätte man sein Werk ohne weiteres dem Dadaismus zugeordnet. Mit dieser antibürgerlichen Bewegung der Zeit zwischen den Weltkriegen teilt Charms das Vergnügen an Unsinn und Absurditäten, am Spiel mit der Sprache und an der Provokation um der Provokation willen.
»Zwischenfälle« versammelt zahlreiche kurze Prosastücke. Einiges kommt als Theaterszene daher, anderes gibt vor, eine Anekdote zu sein, doch alle Stücke laufen stets den Erwartungen zuwider, die man als Leser gewöhnlich mitbringt. Um sich zum Bespiel über die oft gedankenlose öffentliche Verherrlichung Puschkins lustig zu machen, erfindet Charms einfach einige Puschkin-Anekdoten, darunter auch diese:
Puschkin warf gern mit Steinen. Sowie er irgendwo Steine sah, legte er damit los. Manchmal geriet er derart in Fahrt, dass er dastand, rot angelaufen, die Arme schwenkte und mit Steinen warf, einfach schlimm!
Nur für Leser mit Sinn für Unsinn geeignet, für die aber ein absolutes Muss.
Daniil Charms: Zwischenfälle. Aus dem Russischen von Ilse Tschörtner. Sammlung Luchterhand 2049. ISBN: 978-3-630-62049-7. Preis: € 11,00.

Loading ...
Kommentieren » | Buch
8. September 2007, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Der Roman »Jahrestage« von Uwe Johnson ist eines der Meisterwerke der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er umfasst einerseits ein Jahr im Leben seiner Protagonistin Gesine Cresspahl vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968, andererseits mehr als 35 Jahre deutscher Geschichte vom Anfang der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts an. Denn in dem einem Jahr, das die beinahe 1.900 Seiten des Romans beschreiben, erzählt Gesine Cresspahl ihr Leben ihrer Tochter Marie, beginnend mit dem Kennenlernen von Maries Großeltern über die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft bis hinein in die Nachkriegszeit und Gesines Schulzeit im sozialistischen Mecklenburg und weiter.
Viele Leser schrecken vor dieser umfangreichen und stilistisch anspruchsvollen Romanwelt zurück, in die man sich erst über viele Seiten hinweg einlesen muss. Für alle diejenigen, die bislang nicht in das Buch hineingefunden haben, hat Margarethe von Trotta im Jahr 2000 das Wagnis unternommen, diesen Jahrhundertroman in einen Film umzusetzen. Er wurde mit 4 Episoden von je 90 Minuten für die ARD produziert, und es ist mit ihm das Kunststück gelungen, den Geist der Johnsonschen Welt in ein anderes Medium zu transportieren. Das ist nicht zuletzt den großartigen schauspielerischen Leistungen zu danken: In erster Linie natürlich Suzanne von Borsody als Gesine Cresspahl, aber ebenso der jungen Marie Helen Dehorn als ihre Tochter Marie, Matthias Habich als Gesines Vater Heinrich und Axel Milberg als Dietrich Erichson.
Ein Film für Leser, der neugierig auf das Buch macht und einen Einstieg in die Welt des Romans vermitteln kann.
»Jahrestage«. Deutschland, 2000. 2 DVDs, absolut Medien – arte Edition. Länge: ca. 360 Minuten. Sprache: Deutsch. FSK: ab 12 Jahre. Preis: ca. € 24,-.

Loading ...
Kommentieren » | Film
1. September 2007, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Als Elias Canetti im Jahr 1981 den Literatur-Nobelpreis erhielt, war das nicht nur für ihn eine Überraschung, sondern auch für viele deutsche Leser, denn Canetti war trotz des Erfolgs von »Die gerettete Zunge« (1977) noch weitgehend unbekannt. Erst mit dem Nobelpreis kam der späte, aber verdiente Ruhm.
Canettis Vater war ein erfolgreicher Kaufmann sephardischer Herkunft, und Elias wurde 1905 als ältester Sohn in Bulgarien geboren. Seine Muttersprache war Ladino, und als die Familie 1911 nach England zog, lernte er dort Englisch und Französisch. Als der Vater im Jahr darauf starb, begann die Mutter mit ihren drei Söhnen ein unstetes Leben in Österreich, der Schweiz und Deutschland, wo sich Elias gezwungenermaßen Deutsch als neue Gebrauchssprache aneignete, das er dann schließlich als Schriftsteller zu seiner sprachlichen Heimat machen sollte.
Canetti hat nur einen einzigen Roman geschrieben: »Die Blendung« (1935) ist bis heute weit unbekannter als seine autobiographischen Bücher. Erzählt wird die Geschichte des weltfremden Intellektuellen Peter Kien, eines weltberühmten Sinologen, der in seiner 25.000 Bände umfassenden Privatbibliothek lebt. Schon durch seine Weltfremdheit zur komischen Figur gestempelt, spitzt sich die Lage im Haushalt Kien zu, als eine neue Wirtschafterin, Therese, beschließt, Kien zu heiraten, was ihr aufgrund der zwischenmenschlichen Einfältigkeit Kiens auch leicht gelingt. Erst nach der Hochzeit begreift Kien, dass er sein bisheriges Leben so nicht wird weiterführen können, und geht in die Opposition zu seiner Gattin. Daraufhin wirft ihn Therese kurzerhand aus der Wohnung. Damit beginnt eine Odyssee des zunehmend verwirrten Kien …
Elias Canetti: Die Blendung. Fischer Taschenbuch 696. ISBN: 978-3-596-20696-4. Preis: € 9,95.

Loading ...
1 Kommentar » | Buch