Archiv für Oktober 2007


Lieblose Legenden

27. Oktober 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Mit zwei Büchern hat Wolfgang Hildesheimer von sich reden gemacht: Mit seiner Mozart-Biografie von 1977, die er selbst als sein »Lebensbuch« bezeichnet hat, und mit der vier Jahre später erschienenen fiktiven Biografie »Marbot«. Zuvor hatte er einige erfolgreiche Theaterstücke und Hörspiele verfasst, aber wirklich populär geworden ist er nie.

Dabei stand am Anfang seiner Karriere eines kleines, witziges Büchlein mit kurzen Erzählungen, die, leicht und ein wenig zum Absurden neigend, durchaus geeignet wären, Hildesheimer als einen der großen humoristischen Autoren der deutschen Sprache auszuzeichnen: »Lieblose Legenden« (1952). Gemeinsam ist den meisten dieser Erzählungen, dass sie die Erwartungen der Leser bewusst unterlaufen.

Da findet sich zum Beispiel »Das Märchen vom Riesen«, das zuerst ganz ordentlich anfängt mit einem Bauern, der zwei Söhne hat.

Der erste war arbeitsam und tapfer. Er bestellte seinem Vater das Feld (– der Vater brauchte es nur abzuholen –) und zog aus, das Land von Drachen, Räubern und anderen Schädlingen zu befreien. Der zweite aber war faul und lebte in den Tag hinein.

Als ein Riese im Land auftaucht, zieht der tapfere Müllersohn aus, ihn zu töten, wird aber kurzerhand von Riesen gefressen. Dagegen legt sich der faule Sohn ins Feld, wo ihn zufällig die Prinzessin entdeckt, sich in ihn verliebt und ihn heiratet. Und das große Hochzeitsfest endet damit, dass am achten Tag der Riese auftaucht und alle Anwesenden verspeist,

und wenn er daran nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.

Auch die meisten anderen Geschichten der »Lieblosen Legenden« überzeugen durch den trockenen und lakonischen Humor ihres Autors.

Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden. Bibliothek Suhrkamp Bd.84. ISBN: 978-3-518-01084-6. Preis: € 12,80.

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Der Index

20. Oktober 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Über die Tätigkeit der Index-Kongregation, der vatikanischen Zensurbehörde, war der Öffentlichkeit jahrhundertelang kaum etwas bekannt. Als der Vatikan dann 1998 seine Archive einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte, konnten Kirchenhistoriker erstmals auch einen Blick in deren Akten werfen und sich einen Eindruck von den Verfahrensweisen und den verhandelten Fällen verschaffen. Von zahlreichen Verfahren wusste man bis dahin nichts, da nur dann, wenn ein Buch schließlich verboten wurde, eine entsprechende Eintragung im Index librorum prohibitorum, dem Verzeichnis der verbotenen Bücher, auftauchte.

Hubert Wolf, renommierter Kirchenhistoriker, leitet eine Arbeitsgruppe, die seit vielen Jahren damit beschäftigt ist, die Akten der katholischen Zensurbehörde zu sichten, zu edieren und zum Druck zu befördern. Er hat mit seinem Buch »Index« eine erste auch für den Laien lesbare Darstellung der fast 400-jährigen Tätigkeit der Index-Kongregation geschrieben.

Das Buch hat zwei Teile: Der erste enthält eine Überblicksdarstellung der Geschichte des Index von seiner Entstehung im 16. Jahrhundert als Reaktion auf die Erfindung des Buchdrucks bis hin zu seiner Aufhebung im Jahr 1966. Der zweite Teil stellt exemplarisch neun Verfahren vor, von denen sich vier mit belletristischen Schriftstellern befassen (Knigge, Heine, Beecher Stowe und Karl May), während die anderen Fälle theologische bzw. kirchenhistorische Schriften betreffen. An diesen Beispielen führt Wolf mit großer Sorgfalt die Vorgehensweisen, Argumentationen und Einflüsse vor, die die Verfahren geprägt haben – eine detaillierte historische Spurensuche in den geheimen Akten des Vatikans.

Hubert Wolf: Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher. Beck’sche Reihe 1749. ISBN: 978-3-406-54778-2. Preis: € 12,95.

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Die Queen

13. Oktober 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Beinahe ein Jahrzehnt nach den Ereignissen hat der englische Regisseur Stephen Frears (»Gefährliche Liebschaften«, »High Fidelity«) mit seinem Film »Die Queen« die krisenhafte Woche zwischen dem tödlichen Autounfall Lady Diana Spencers und ihrer Beisetzung zu einem eindringlichen Drama verdichtet. Im Mittelpunkt steht König Elisabeth II. (Helen Mirren), die mehrere Tage lang versucht, Dianas Tod als eine private Angelegenheit der Familie Spencer zu behandeln und damit einen massiven Popularitätsverlust des Königshauses verursacht.

In dieser Zeit fällt dem frisch gewählten Premierminister Englands, Tony Blair (Michael Sheen), die Rolle eines Gegenspielers und Mahners zu, die er mehr gezwungenermaßen als freiwillig auf sich nimmt. Während sich die königliche Familie im schottischen Balmoral Castle aufhält und der zunehmend negativen Stimmung in der Bevölkerung mit Unverständnis und teilweise Snobismus begegnet, schätzt Tony Blair den Unmut in der britischen Bevölkerung und die internationale Irritation über das Schweigen des Königshauses weit richtiger ein.

Doch der Königin wird erst langsam klar, dass sie die Lage vielleicht falsch wahrnimmt, und erst als Tony Blair sich schließlich dazu durchringt, der Königin eine offizielle Empfehlung für ihr Verhalten zu geben, entschließt sie sich entgegen ihrer inneren Überzeugung, diesem Rat zu folgen …

Der Film vermeidet jede einseitige Stellungnahme zu den Ereignissen. Er lebt von einer sehr persönlichen Perspektive auf das Königshaus und der grandiosen Leistung von Helen Mirren, die dafür 2007 mit dem Oscar für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet wurde.

»Die Queen«. GB, Frankreich, Italien, 2006. DVD, Concorde. Länge: ca. 99 Minuten. Sprachen: Englisch u. Deutsch. Extras: Making-of, Audio-Kommentar von Regisseur und Drehbuch-Autor. FSK: ab 6 Jahre. Preis: ca. € 15,-.

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Des Teufels Wörterbuch

6. Oktober 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Ambrose Bierce (1842-1914) ist in Deutschland als Autor beinahe nur für eine einzige seiner Kurzgeschichte und eines seiner Bücher bekannt. Die Kurzgeschichte trägt den Titel »Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke« und erzählt eine Episode aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg: Peyton Farquhar soll auf der Eisenbahnbrücke über den Owl Creek mit dem Strang hingerichtet werden. Doch als er hinterstürzt, reißt der Strick. Er fällt in den Fluss, und damit beginnt eine abenteuerliche Flucht zurück zu seiner Familie. Die Geschichte ist berühmt geworden, weil sie im letzten Absatz eine unerwartete Wendung bringt, die alles Erzählte mit einem Schlag in ein anderes Licht rückt. Man darf sagen, dass dieser erzählerische Trick Schule gemacht hat, aber nur selten so effektvoll angewendet worden ist wie in dieser Vorlage.

Das Buch von Bierce aber, das ihn bekannt gemacht hat, ist »Des Teufels Wörterbuch«. Es enthält kurze, böse, oft auch zynische Definitionen eigentlich harmloser Begriffe:

Malerei, die - Kunst, Flächen vor dem Wetter zu schützen und sie dem Kritiker preiszugeben.

Oder:

Heiliger, der - Toter Sünder; bearbeitet und neu herausgegeben.

Mit solchen Definitionen verdiente sich Bierce zu Lebzeiten viele Anfeindungen, und er bekam den Spitznamen »Bitterer Bierce« angehängt, den er wahrscheinlich mit einem gewissen Stolz trug. Zugleich begründete das »Wörterbuch« aber auch Bierce’ anhaltenden, weltweiten Ruhm. Aufgrund der zum Teil tagespolitischen und parodistischen Anspielungen existieren bis heute nur Teilübersetzungen ins Deutsche, von denen diejenige des renommierten Autors und Übersetzers Gisbert Haefs die witzigste und pointierteste ist.

Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch. Aus dem Amerikanischen von Gisbert Haefs. Area Verlag, 2006. ISBN: 3-89996-865-4. Preis: € 5,00.

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