Archiv für Dezember 2007


Ilias

29. Dezember 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Am Anfang der westlichen Literaturtradition stehen zwei umfangreiche Epen, »Ilias« und »Odyssee«. Beide beschreiben Ereignisse, die historisch in das 12. oder 13. vorchristliche Jahrhundert gehören. Wir nehmen heute an, dass es den Trojanischen Krieg Homers nicht wirklich gegeben hat, sondern dass die Epen idealisierte Erzählungen vergangener Heldentaten darstellen, in etwa so, wie die Ritterromane der Romantik den Lesern ein idealisiertes Ritterwesen präsentierten. Auch daran, dass die beiden Epen tatsächlich von der Hand Homers stammen, wird seit langem mit gutem Grund gezweifelt: Zu uneinheitlich sind die Texte, zu verschieden ihre sprachlichen Stile und Dialekte.

Doch all das ändert nichts daran, dass beide Erzählungen immer noch die griechischen Klassiker schlechthin darstellen. Wer aber hat sie heute noch gelesen? Dass beide Epen nur noch so selten zur Hand genommen werden, liegt sicherlich auch daran, dass sie als schwierig und langatmig gelten, zudem noch in Versen geschrieben sind und von einer uns fremden Kultur erzählen. Bei solchen Texten hilft es sehr oft, sie sich vorlesen zu lassen, um einen lebendigen Einstieg für die eigene Lektüre zu finden.

Der Schauspieler Rolf Boysen präsentierte bei Lesungen im Münchner Residenztheater eine gekürzte Fassung der »Ilias«, also der Erzählung von Kampf der Griechen vor den Mauern Trojas, in der Übersetzung Wolfgang Schadewaldts. Boysens fulminante Stimmgewalt bringt den Text dabei so zum Klingen, dass sich beim Zuhörer unweigerlich die Faszination einstellt, die die »Ilias« auf Menschen aller Epochen immer wieder ausgeübt hat.

Homer: Ilias. Gelesen von Rolf Boysen. München: Der Hörverlag, 2004. 6 CDs mit zusammen ca. 462 Minuten Laufzeit. Ca. € 35,00.

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Die Abenteuer von Igelfelds

22. Dezember 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Professor Dr. Moritz-Maria von Igelfeld weiß seine Bedeutung durchaus einzuschätzen: Nicht nur steht sein Name für einen alten Adel, der ihn beinahe berechtigen würde, sich Baron von Igelfeld zu nennen, sondern auch sein bedeutendes Buch »Portugiesische unregelmäßige Verben«, das das Thema auf 1.200 Seiten erschöpfend behandelt, lassen ihn seine minder bedeutenden Kollegen Professor Dr. Dr. h.c. Florianus Prinzel und Professor Dr. Amadeus Unterholzer turmhoch überragen. Zusammen bilden diese drei Professoren den Kern des Romanistischen Instituts der Universität Regensburg, und genauso obskur, wie sich das hier liest, ist das Buch von Alexander McCall Smith auch geraten.

Der subtile Humor der Geschichten über den etwas weltfremden und egozentrischen Professor braucht einige Seiten, um sich voll zu entfalten, wirkt dann aber um so intensiver: Gleichgültig ob Igelfeld versucht, seiner italienischen Pensionsmutter ihr Vorurteil gegen Deutsche auszutreiben, oder ob er dem Papst in der Vatikanischen Bibliothek den Mund verbietet oder einen spontanen Vortrag über Dackel hält, nie verlässt ihn sein angeborenes Selbstbewusstsein und seine natürliche Überheblichkeit.

Der Autor McCall Smith ist im Hauptberuf Jura-Professor und mit Kinderbüchern und Kriminalromanen bekannt geworden. Aus einer Laune heraus erfand er den deutschen Professor von Igelfeld, dessen Erlebnisse er dann in drei rasch nacheinander entstandenen Büchlein erzählte. Die deutsche Ausgabe fasst alle drei Bände in guter Übersetzung zusammen und übernimmt auch die Illustrationen der Originalausgaben.

Alexander McCall Smith: Die verschmähten Schriften der Professor vom Igelfeld. München: Blessing, 2007. ISBN: 978-3-89667-268-1. Preis: € 19,95.

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Eine Brief-Freundschaft

15. Dezember 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Wir schreiben das Jahr 1949. In New York lebt die noch weitgehend unbekannte Schriftstellerin Helene Hanff, die – wie viele Schriftsteller – auch eine leidenschaftliche Leserin ist. In New York aber findet sie die Bücher, die sie sucht (Klassiker der Antike und englische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts), nicht oder nur in sehr teueren Ausgaben. Deshalb schreibt sie am 5. Oktober einen ersten Brief an das Londoner Antiquariat Marks & Co. in der Charing Cross Road, in der der Bücherfreund auch heute noch zahlreiche gute Antiquariate finden kann. 20 Tage später gibt Frank Doel, Angestellter bei Marks & Co., zwei der fünf gesuchten Bücher auf den Postweg nach New York.

Dies ist der Beginn einer erstaunlichen Freundschaft zwischen der US-amerikanischen Autorin und den Angestellten des Londoner Antiquariats. Als Helene Hanff kurze zeit später erfährt, dass die Engländer aufgrund der Kriegsfolgen immer noch in ärmlichsten Verhältnissen und von rationierten Lebensmitteln leben müssen, sendet sie spontan ein Lebensmittelpaket an ihre Buchhändler. Damit ist das Eis gebrochen, und aus der geschäftlichen Korrespondenz entwickelt sich Schritt für Schritt erst ein persönlicher Gedankenaustausch über Gott und die Welt und schließlich auch die Anteilnahme an familiären Ereignissen und Geschichten.

Helene Hanff und Frank Doel haben einander nie persönlich kennengelernt. Und nur die Briefe dieses schmalen Bändchens blieben als Zeugnis für ihre ganz außergewöhnliche Freundschaft erhalten. »84, Charing Cross Road« wurde, mit Anne Bancroft und Anthony Hopkins in den Hauptrollen, unter dem Titel »Zwischen den Zeilen« auch verfilmt.

Helene Hanff: 84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen. btb Taschenbuch 73129. ISBN: 978-3-442-73129-9. Preis: € 7,00.

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Das Wetter vor 15 Jahren

8. Dezember 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Vittorio Kowalski wird bei »Wetten, dass..?« Wettkönig, weil er für jeden einzelnen Tag der vergangenen 15 Jahre das Wetter kennt, das in einem kleinen Alpendorf geherrscht hat. Es ist das Dorf, in dem er als Junge zusammen mit seine Eltern viele Jahre Urlaub gemacht hat. In dem Jahr, in dem sich aus einer Kinderfreundschaft mit Anni eine erste Liebe entwickelt, reisen die Eltern vorzeitig ab und fahren anschließend nie wieder in diesen Ort. Vittorio glaubt, dies sei seine Schuld, denn während er sich mit Anni in einer Hütte geliebt hat, ist draußen im Unwetter Annis Vater ums Leben gekommen.

Voller Schuldgefühle bricht er zwar den äußeren Kontakt ab, hält ihn aber innerlich aufrecht, in dem er das Wetter im Dorf Tag für Tag auswendig lernt. Erst durch seinen Auftritt bei »Wetten, dass..?« kommt es wieder zum Kontakt mit Anni, die immer noch im Dorf lebt. Vittorio fährt zu ihr, erfährt von ihrer bald bevorstehenden Heirat und wird auf einem einsamen Spaziergang in genau der Hütte, die damals den beiden Jugendlichen Zuflucht geboten hat, verschüttet. Während der Tage, die er in der Hütte eingeschlossen verbringt, macht er eine Entdeckung, die die vergangenen Ereignisse in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen …

Wolf Haas, der zuvor schon als Krimiautor erfolgreich war, erzählt diese Geschichte auf eine höchst originelle Weise, nämlich als Interview zwischen ihrem Autor und einer Journalistin. Dadurch steht weniger die Liebesgeschichte als vielmehr der Prozess des Schreibens im Mittelpunkt. Nur Stück für Stück erfährt der Leser den Inhalt des in Wirklichkeit ungeschriebenen Romans um Vittorio Kowalski.

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2006. ISBN: 978-3-455-40004-5. Preis: € 18,95.

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Die Rückseite des Hakenkreuzes

1. Dezember 2007, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Alle Menschen sollte man – nur um einen Vorschlag zu machen – mit der Hinteransicht einer Tribüne vertraut machen, bevor man sie vor Tribünen versammelt. Wer jemals eine Tribüne von hinten anschaute, recht anschaute, wird von Stund an gezeichnet und somit gegen jegliche Zauberei, die in dieser oder jener Form auf Tribünen zelebriert wird, gefeit sein.

Das schrieb Günter Grass, der nach eigenem Bekenntnis als junger Mann selbst zu den Verführten des Dritten Reiches gehörte.

Im Sinne dieses Gegensatzes hat Helmut Heiber für sein Buch »Die Rückseite des Hakenkreuzes« in jahrzehntelanger Archivarbeit eine Sammlung von Aktenauszügen erstellt, die eine solche »Hinteransicht« zu den Haupt- und Staatsaktionen des Nazi-Staates liefert. Dabei geht es oft nur um Kleinigkeiten, die für sich genommen unwichtig erscheinen, aber durch den Umfang dieser Sammlung an Bedeutung gewinnen und deutlich machen, welchem Kontrollwahn die Herrschaftselite des Dritten Reiches unterlag. Zur Illustration sei nur ein Beispiel von unzähligen angeführt: Da beschließt die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde im Jahr 1942 auf ihrer Hauptversammlung, den zoologisch irreführenden Namen »Fledermaus« in »Fleder« zu ändern. Auf eine entsprechende Zeitungsmeldung hin ergeht der Führerbefehl, dies »umgehend rückgängig zu machen. Wenn die Mitglieder der Gesellschaft für Säugetierkunde nichts Kriegswichtigeres und Klügeres zu tun hätten, dann könnte man sie vielleicht einmal längere Zeit in Baubataillonen an der russischen Front verwenden.«

Ein historisches Lesebuch, bei dem man aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommt!

Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderliches aus den Akten des »Dritten Reiches«. Hg. v. Beatrice u. Helmut Heiber. Wiesbaden: Matrix Verlag, 2005. ISBN: 978-3-86539-033-2. Preis: € 9,95.

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