23. Februar 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Der kleine Carlino Altoviti, geboren 1775, wächst nahe Venedig auf der Burg seines Onkels, des Grafen von Fratta, auf. Da er das Kind einer Mesalliance einer Schwester der Gräfin ist, wird Carlino zwar geduldet, ist aber lange Zeit ein eher unwillkommner Gast. Zwar spielt er mit den seinen beiden Kusinen, den Töchtern des Grafen von Fratta, aber sonst hat er mehr Umgang mit dem Gesinde der Burg und verbringt viel Zeit in der Küche. Er verliebt sich in seine jüngere Kusine, Pisana, die launisch ihre Gunst mal diesem, mal jenem jungen Herrn zuwendet. Je älter Carlino wird, desto mehr wächst seine Leidenschaft für Pisana und desto sprunghafter werden deren Launen und Gunstbeweise.
Carlino durchläuft eine juristische Ausbildung, macht in Venedig politische Karriere und erlebt so in der Zeit der Napoleonischen Feldzüge unmittelbar den Niedergang und Fall der ehemals mächtigen Republik. Der Sturz Napoleon lässt in nach London fliehen, von wo aus er viele Jahre später als Kaufmann nach Venedig zurückkehrt. Aber auch diesmal wird er wieder in politische und private Aufregungen verwickelt …
Ippolito Nievo (1831–1861), ein Spätling der italienischen Romantik, hat diesen umfangreichen Roman, der ein Leben von achtzig Jahren schildert, im Alter von nur 27 Jahren, drei Jahre vor seinem Tod, vollendet. Das Buch wurde erst 1867 aus dem Nachlass herausgegeben. Jetzt erst legt der Zürcher Manesse-Verlag erstmals eine ungekürzte deutsche Ausgabe dieser gelungenen Mischung von Schelmen-, Abenteuer-, Liebes- und historischem Roman vor – ein Panorama der Geschichte und Gesellschaft Nord-Italiens der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Ippolito Nievo: Bekenntnisse eines Italieners. 2 Bände. Zürich: Manesse, 2005. ISBN: 978-3-7175-0109-1. Preis: € 53,80.

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16. Februar 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Nachdem Widmer im Jahr 2000 »Der Geliebte der Mutter«, das ich in der letzten Woche empfohlen habe, veröffentlicht hatte, wurde von Kritikern angemerkt, dass der Vater des Erzählers in dem Buch praktisch keine Rolle spiele. Widmer versprach daraufhin, auch ein Buch über den Vater zu schreiben. Vier Jahre später lag es tatsächlich vor: »Das Buch des Vaters«.
Während »Der Geliebte der Mutter« eine tragische Liebesgeschichte erzählt, ist »Das Buch des Vaters« von Beginn an als Schelmengeschichte angelegt. Der Vater, Karl, stammt aus der Schweizer Provinz, einem Dorf, in dem vor den Häusern die Särge der Bewohner aufgestapelt sind und alle Kinder an ihrem zwölften Geburtstag ein leeres Buch erhalten, in das hinein sie von jenem Tag an ihr Leben schreiben.
Dieses »Buch des Vaters« ist das erste in einer unübersehbaren Reihe von Büchern: Der Vater studiert Romanistik, geht nach Paris und kauft dort in den Antiquariaten von seinem wenigen Geld ein Buch nach dem anderen. Er kauft beschädigte Exemplare oder unvollständige Werkausgaben und erliest sich so eine eigene Welt. Doch Freundschaft oder Liebe findet er nicht.
So kehrt er in die Schweiz zurück, schreibt seine Doktorarbeit, heiratet kurz entschlossen die Mutter des Erzählers und taucht wieder in seine Bücherwelt ein: Er wird Lehrer, Übersetzer und Schriftsteller, und während sein privates Leben an ihm vorübertreibt, lebt er mit und in seinen Büchern. Doch dann reißt ihn der Krieg aus seiner Welt heraus, und der Vater wird Soldat und Kommunist …
Mit dem »Das Buch des Vaters« hat Urs Widmer ein überraschendes Gegenstück zu »Der Geliebte der Mutter« geschaffen.
Urs Widmer: Das Buch des Vaters. detebe 23470. ISBN: 978-3-257-23470-1. Preis: € 8,90.

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9. Februar 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Erzählt wird die Geschichte Clara Molinaris, einer jungen Frau aus reichem Hause, deren Vater am Schwarzen Freitag 1929 sein gesamtes Vermögen verliert und vom Schlag getroffen stirbt. Clara steht nach diesem Tod allein vor dem Nichts. Sie hat nur einen Lebensinhalt: Sie ist Sekretärin und Guter Geist eines jungen Orchesters, in dessen Dirigenten sie ebenso heimlich wie leidenschaftlich verliebt ist. Der allerdings kümmert sich wenig um das Mädchen, nimmt die sich anbietende Affäre zwar so nebenbei mit, verschwendet aber weiter keinen Gedanken an Clara. Stattdessen heiratet er die Tochter des Besitzers der Maschinenfabrik und wird einer der reichsten Männer der Stadt. Auch seine Karriere als Musiker verfolgt er zielstrebig, und bald ist er nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch ein gesuchter und geschätzter Künstler.
Clara heiratet enttäuscht den ersten besten Mann, bekommt mit ihm ein Kind (den Erzähler des Buches) und verfällt zugleich einer immer schwärzer werdenden Depression. Weder ihre Ehe noch ihr Kind können sie aus ihrer emotionalen Bindung an den geliebten Dirigenten lösen. Jahrelang lebt sie mit Selbstmordgedanken und ihre psychische Krise steigert sich soweit, dass sie schließlich in eine Klinik eingewiesen werden muss …
Urs Widmer hat mit diesem kleinen Buch entlang von wirklichen Ereignissen und Erlebnissen, seiner eigenen Mutter und ihrer Liebe zu dem Dirigenten Paul Sacher ein janusköpfiges Denkmal gesetzt. Vier Jahre später hat er es um ein Buch über seinen Vater ergänzt, das ich in der nächsten Woche hier vorstellen werde.
Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter. detebe 23347. ISBN: 978-3-257-23347-6. Preis: € 8,90.

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2. Februar 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Robert Musil (1880-1942), der durch seinen unvollendeten Roman »Der Mann ohne Eigenschaften« weltbekannt wurde, begann seine schriftstellerische Laufbahn 1906 mit dem kleinen Roman »Die Verwirrungen des Zöglings Törleß«. Das Buch spielt in einem Internat in der österreichischen Provinz. Schon die ersten Sätze des Buches machen klar, dass man hier am Ende der Welt angekommen ist:
Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Rußland führt. Endlos gerade liefen vier parallele Eisenstränge nach beiden Seiten zwischen dem gelben Kies des breiten Fahrdammes …
Im Zentrum des Romans steht der 16-jährige Schüler Törleß, der durch eher zufällige Umstände in eine ihn zugleich faszinierende und bedrängende Lage gerät. Sein Mitschüler Basini ist von zwei andere Mitschülern, Reiting und Beineberg, beim Stehlen ertappt worden. Basini, dem bei Bekanntwerden des Diebstahls ein Schulverweis droht, lässt sich darauf ein, Reiting und Beineberg als »Diener« zur Verfügung zu stehen. Er sieht sich nun den Erniedrigungen durch seine Entdecker ausgesetzt, die deutlich sexuell motiviert sind und im Laufe der Zeit immer mehr an Grausamkeit zunehmen.
Törleß nimmt an diesen Quälereien selbst nicht aktiv teil, sondern erlebt sie als Zuschauer, der sich weder das Verhalten Basinis erklären kann, noch die Faszination begreift, die das ganze auf ihn selbst ausübt. Er ist auf diese Verwirrung seiner Gefühle nicht vorbereitet, findet keine Worte, die ihm helfen würden das Geschehen einzuordnen.
Der bekannte Schauspieler Ulrich Tukur hat im Hörverlag eine einfühlsame und nuancierte Lesung dieses kleinen psychologischen Meisterwerks vorgelegt.
Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Gelesen von Ulrich Tukur. München: Der Hörverlag, 2005. 5 CDs mit zusammen ca. 350 Minuten Laufzeit. Ca. € 25,00.

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