Archiv für März 2008


Der Mondmann

29. März 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Der amerikanische Komiker Andy Kaufman (1949-1984) hat in den USA praktisch im Alleingang eine gänzlich neue Art des Humors sowohl auf den Bühnen als auch im Fernsehen etabliert. Seine skurrilen Auftritte waren bald legendär, aber anstatt sich auf seiner Popularität auszuruhen, trieb Kaufman sein Spiel mit der Realität immer weiter fort und provozierte und verwirrte sein Publikum immer aufs Neue. Wie sehr Kaufman bei seinen Aktionen auf Verunsicherung und Überraschung setzte, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass viele seiner Fans seinen viel zu frühen Tod nur für eine weitere seiner Inszenierungen gehalten und lange Zeit auf seine gloriose Rückkehr aus dem »Reich der Toten« gewartet haben.

Der tschechische Regisseur Milos Forman (Einer flog über das Kuckucksnest, Amadeus) war selbst schon lange ein Fan Andy Kaufmans. So entwickelte er nach dessen Tod den Plan, einen Film über Kaufman zu drehen. Dass er dabei Unterstützung zahlreicher Schauspieler-Kollegen Kaufmans, darunter Danny DeVito, erhielt, ist einer der Glücksfälle des Films. Der andere ist sein Hauptdarsteller: Der oft als reiner Hampelmann-Darsteller unterschätzte Jim Carrey (Die Maske, Bruce Allmächtig) beweist in diesem Film einmal mehr seine Wandlungsfähigkeit und sein tiefgreifendes Verständnis für seine Rollen.

Der Film ist weniger eine genaue Biographie Kaufmans als vielmehr ein Mosaik von Episoden seines Lebens. Ein pointierter, anarchischer und zugleich liebevoller Film über einen Künstler, der immer wieder versucht hat, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Inszenierung zu verwischen.

»Der Mondmann«. GB/D/J/USA, 1999. FSK: ab 12. 1 DVD, Concorde. Länge: ca. 114 Minuten. Sprachen: Deutsch, Englisch. Extras: 2 R.E.M.-Musikvideos; Interviews mit Regisseur und Darstellern; Making-of; nicht verwendete Szenen. Preis: ca. € 8,–.

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Schloss Gripsholm

22. März 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Als Kurt Tucholsky im Winter 1930/31 an »Schloß Gripsholm« arbeitete, befand er sich in einer schwierigen Lebenslage: Seit Jahren litt er unter wechselnden Krankheiten. Er war von der langen Zeit, in der er sich sowohl beruflich als auch privat immer Übermäßiges abverlangt hatte, ausgelaugt und fühlte sich müde. Außerdem hatte sich die Zeitungs- und politische Landschaft in Deutschland gewandelt: Die linken und freiheitlichen Blätter, für die er geschrieben hatte, verschwanden mehr und mehr, und Tucholskys finanzielle Basis war dünn geworden.

Deshalb versuchte er, sich neben dem Journalismus weitere Arbeitsfelder zu erschließen: Er schrieb ein Filmmanuskript, das aber nie produziert wurde, und nach beinahe 20 Jahren wieder einmal eine umfangreiche Erzählung. Er wusste, dass das Buch ein Erfolg werden musste, um ihn zu sanieren.

Und das ist das Buch auch geworden: Eine wunderbar leichte Erzählung von Liebe und Sommer, von der Freiheit und vom Sichvertragen der Menschen untereinander, vom Spazierengehen und Plaudern und davon, wie schön es sein kann, gemeinsam mit der Geliebten »die Seele baumeln zu lassen«. Eingeflochten in diese Sommergeschichte findet sich als Gegenstück eine andere: Die der neunjährigen Ada, die von ihrer Mutter in ein Kinderheim gegeben wurde, in dem eine fürchterliche Megäre herrscht, die die Kinder tyrannisiert und schikaniert. Und natürlich müssen der Erzähler und seine Geliebte Lydia ausziehen, um dieses Kind zu retten …

»Schloß Gripsholm« ist zu Recht einer der beliebtesten Texte Tucholskys. So ein Buch ist in der deutschen Literatur nicht oft gelungen.

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm. rororo 10004. ISBN: 978-3-499-10004-8. Preis: € 6,90.

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Bei Goethe zu Gast

15. März 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Durch Martin Walsers kontrovers diskutierten Roman »Ein liebender Mann« steht Goethe gerade wieder einmal im Zentrum der Öffentlichkeit. Manch ein Leser des Romans oder der Rezensionen wird wünschen, sich ein unmittelbareres Bild von dem Weimarer Dichter machen zu können. Nun sind die meisten Sammlungen von Goethes Briefen und Gesprächen zu umfangreich, um sich einen schnellen, doch prägnanten Eindruck zu verschaffen.

Zum Glück hat der Goethe-Kenner Werner Völker eine kleine Auswahl von zeitgenössischen Berichten zusammengestellt, die Besucher des Hauses am Frauenplan niedergeschrieben haben. Die Auswahl beginnt mit Karl Philipp Moritz nach Goethes Rückkehr aus Italien im Jahr 1788 und endet mit Notizen des Weimarer Prinzenerziehers Frédéric Soret aus Goethes Todesjahr 1832. In dieser Zeitspanne war Goethe langsam aber sicher zur wichtigsten Sehenswürdigkeit der Thüringischen Residenz geworden. Kaum ein Besucher der Stadt, der ein wenig auf sich hielt, verzichtete darauf, am Frauenplan seine Karte abzugeben und zu hoffen, von Goethe zu einer Audienz oder sogar zum Essen geladen zu werden. Nicht alle diese Begegnungen sind glücklich verlaufen: So ist etwa der junge Heinrich Heine von der persönlichen Bekanntschaft mit Goethe tief enttäuscht, was seiner Verehrung des Werks aber keinen Abbruch getan hat.

Werner Völker leitet jeden Abschnitt des Büchleins mit einer kurzen Vorstellung der Autorin bzw. des Autors ein und gibt auch zwischendurch hilfreiche Erläuterungen. Ein schönes Buch für alle, die Goethe aus der Nähe kennenlernen möchten.

Bei Goethe zu Gast. Besucher in Weimar. Hg. v. Werner Völker. it 1725. ISBN: 978-3-458-33425-5. Preis: € 7,50.

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Der große Bagarozy

8. März 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Die Psychiaterin Cora Dulz durchlebt eine milde Form der Midlife-Crisis: In ihrer Ehe mit dem Steuerberater Robert sind seit längerem Routine und Stagnation eingetreten und vor kurzer Zeit haben sich zwei ihrer Patienten das Leben genommen, so dass sie sich einerseits ein wenig Sorgen um die Reputation ihrer Praxis macht, sich aber andererseits eingestehen muss, dass sie ihr Leben und ihre Patienten oft langweilen.

Da taucht eines Tages Stanilaus Nagy in ihrer Praxis auf, ein junger Mann, der zuerst nur angibt, ihm sei Maria Callas leibhaftig erschienen. Doch im weiteren Verlauf der Behandlung steigern sich Nagys Behauptungen immer mehr ins Wahnhafte: Er sei der menschgewordene Teufel und habe, allerdings in Gestalt eines schwarzen Pudels, die Karriere und das Leben der Maria Callas nicht nur begleitet, sondern nach seinen Launen in die eine oder andere Richtung gelenkt. Cora fühlt sich von Anfang an zu dem merkwürdigen Patienten hingezogen, und sehr bald lässt sie sich auch privat auf ihn ein: So verbringt sie mit ihm einige nächtliche Stunden in einem Kaufhaus, in dem Nagy angeblich als Detektiv arbeitet, oder sie lässt es zu, dass er ihr aus einem Schaufenster, das er einschlägt, eine Spieluhr stiehlt. Aber Nagy rüttelt sie nicht nur auf und bringt ihr eingefahrenes Leben durcheinander, die Begegnung mit ihm spitzt auch ihre eigene Krise gefährlich zu …

Helmut Krausser ist mit diesem kleinen Roman eine seiner leichtesten und humoristischsten Erzählungen gelungen. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch mit großem Erfolg von Bernd Eichinger mit Corinna Harfouch und Til Schweiger in den Hauptrollen verfilmt.

Helmut Krausser: Der große Bagarozy. rororo 22479. ISBN: 978-3-499-22479-9. Preis: € 7,90.

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Einbruch und Diebstahl

1. März 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Will Francis (Jude Law) ist Landschaftsarchitekt und hat gerade mit seinem Partner Sandy (Martin Freeman) ein Büro im Londoner Stadtteil Kings Cross eröffnet. Die Gegend gilt als unsicher, und bereits in der ersten Nacht wird das Büro ausgeraubt. Als sei das nicht genug, passen die Diebe auch die Ersatzlieferung an Computern und Bildschirmen ab und berauben das Büro in der Nacht darauf zum zweiten Mal. Und auch privat hat Will es gerade nicht leicht: Seine Beziehung zu Liv (Robin Wright Penn) durchläuft eine ernste Krise.

Parallel dazu lernen wir auch einen der Diebe näher kennen: Miro (Rafi Gavron) ist ein junger Bosnier, der mit seiner Mutter Almira (Juilette Binoche) ganz in der Nähe von Wills Büro lebt. Almira arbeitet in ihrer kleinen Wohnung als Schneiderin; viel Geld haben die beiden nicht. Und so fällt es Almiras Schwager leicht, Miro zu Diebstählen anzuhalten.

Nach dem zweiten Einbruch beschließen Will und Sandy ihr Büro nachts zu bewachen, und als die Diebe dreist genug sind, einen dritten Einbruch zu wagen, verfolgt Will Miro bis zu dessen Wohnung. Will beschließt, auf eigene Faust Beweise gegen Miro zu sammeln. Er wird deshalb Kunde bei Almira und beginnt mit ihr zu flirten, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Doch langsam, aber sicher geraten seine Pläne und Gefühle außer Kontrolle …

Regisseur Anthony Minghella (Der englische Patient) hat mit »Breaking and Entering« einen kleinen, lokalen Film mit Weltstars gedreht, der beinahe schon zu viele Themen in kurzer Zeit anschneidet. Der Film ist besonders auch für Freunde Londons sehr zu empfehlen.

»Breaking and Entering – Einbruch und Diebstahl«. USA/GB, 2006. FSK: ab 12. 1 DVD, Touchstone. Länge: ca. 114 Minuten. Sprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch, Türkisch. Extras: Regiekommentar; Making-of; nicht verwendete Szenen. Preis: ca. € 15,-.

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