31. Mai 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Juli 1962: Im englischen Dorset sieht das junge Ehepaar Florence und Edward in einer Hotelsuite seiner Hochzeitsnacht entgegen. Florence ist Violinistin und in einem begüterten und weltoffenen Haushalt aufgewachsen, Edward, der Geschichte studiert hat, stammt aus eher bescheidenen und komplizierten häuslichen Verhältnissen. Beide haben, wie man so schön sagt, ihr ganzes Leben noch vor sich. Doch jetzt gilt es erst einmal, die Nacht glücklich zu überstehen.
Sowohl Edward als auch Florence haben Angst vor der bevorstehenden Nacht: Edward fürchtet, als Mann zu versagen, Florence hat einen heimlichen Ekel vor allem, was mit Sexualität zu tun hat. Natürlich ist es für beide undenkbar, über ihre Furcht zu sprechen, denn, wie der Autor Ian McEwan gleich zu Anfang betont: Sie leben »in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren. Einfach sind sie nie.«
Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Hochzeitsnacht wird zu einem Desaster, das sowohl Florence als auch Edward mit tiefen Schuldgefühlen zurücklässt. Florence flüchtet spontan aus dem Hotelzimmer an den nahe gelegenen Strand. Dort findet Edward sie einige Zeit später, doch der Versuch einer Aussprache endet nur in noch größerer Verletzung der beiden Liebenden. So läuft Florence wieder davon, und als Edward ins Hotel zurückkommt, ist sie abgereist. Die Ehe wird annulliert und beide gehen getrennte Lebenswege.
Ian McEwan hat mit dieser Erzählung aus den Zeiten vor der sogenannten Sexuellen Revolution einmal mehr sein außergewöhnliches psychologisches Einfühlungsvermögen unter Beweis gestellt.
Ian McEwan: Am Strand. Zürich: Diogenes, 2007. ISBN: 978-3-257-06607-4. Preis: € 18,90.

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24. Mai 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Wenn wir über Zeit sprechen, wissen wir, was das ist; wir wissen es auch, wenn ein anderer darüber zu uns spricht. Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemand auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht.
Dieses berühmte Zitat des Kirchenvaters Augustinus könnte als Motto für das kleine »Lexikon des Unwissens« dienen. Es ist eine vergnügliche Sammlung dessen, was wir nicht wissen oder zumindest nicht so ganz genau wissen.
Wissen Sie zum Beispiel, was Geld ist? Natürlich wird jeder Laie diese Frage auf Anhieb mit »Natürlich!« beantworten und in aller Gelassenheit auf sein Portemonnaie klopfen. Aber sobald man mit einem Fachmann spricht, wird die Sache kompliziert. Die Fragen nach dem, was Geld sei, wie viel es eigentlich davon gebe und welche Auswirkungen seine Existenz genau habe, haben tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten unter Volkswirtschaftlern erzeugt.
Oder wissen Sie zum Beispiel, warum sich manche Blätter im Herbst rot verfärben? Es wäre wunderlich, denn nicht einmal die Biologen sind sich darüber einig, warum einige Bäume im Herbst Anthocyane bilden, die für die rote Farbe verantwortlich sind.
Und genauso wenig ist bis heute verstanden, wie Katzen ihr Schnurren hervorbringen, warum Hawaii existiert oder ob es sich beim sogenannten Voynich-Manuskript um eine unentschlüsselbare Geheimschrift oder einen schlichten Betrug handelt. Über all diese und viele andere Dinge berichten Kathrin Passig und Aleks Scholz auf unterhaltsamste Weise. Sie habe das Buch aus Texten ihres Blogs www.riesenmaschine.de zusammengestellt.
Kathrin Passig / Aleks Scholz: Lexikon des Unwissens. Berlin: Rowohlt, 2007. ISBN: 978-3-87134-569-2. Preis: € 16,90.

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17. Mai 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Tom Dobbs (Robin Williams) ist ein erfolgreicher Komiker mit einer eigenen Polit-Komik-Show. Eines Tages macht eine Zuschauerin während der Aufwärmphase der Show den Vorschlag, angesichts der weit verbreiteten Politikverdrossenheit möge Dobbs doch für das Amt des Präsidenten kandidieren. Dobbs nimmt diesen Vorschlag während der Sendung scherzhaft auf, was eine wahre Flut von zustimmenden E-Mails auslöst. Und so verkündet Dobbs einige Wochen später, dass er sich als Parteiloser zur Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten stellen wird.
Gleichzeitig führt am anderen Ende der USA die Programmiererin Eleanor Green (Laura Linney) einen Test des Programms durch, mit dem bei der bevorstehenden Präsidentenwahl landesweit die Stimmen ausgezählt werden sollen. Dabei macht sie eine beunruhigende Feststellung: Gleichgültig, wie viele Stimmen sie für wen abgibt, es gewinnt immer derselbe Kandidat. Sie schreibt daraufhin eine E-Mail an ihren Chef, der aber angesichts der Tatsache, dass sein Unternehmen an der Börse boomt und die Zeit bis zur Wahl für eine Fehlersuche zu knapp ist, seine Mitarbeiterin mit einer beschwichtigenden Antwort abspeist und hofft, die Sache werde sich von selbst erledigen.
Und so kommt es am Wahlabend, wie es kommen muss: Tom Dobbs, obwohl krasser Außenseiter, gewinnt aufgrund des Software-Fehlers die Wahl zum Präsidenten der USA …
Barry Levinson (»Good Morning, Vietnam«, »Rain Man«) nimmt mit dieser politischen Satire einmal mehr die demokratische Kultur der USA aufs Korn. Eine brillant besetzte Fortsetzung des Erfolgs von »Wag the Dog«.
»Man of the Year«. USA, 2006. FSK: ab 6 Jahren. 1 DVD, Universal. Länge: ca. 110 Minuten. Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch. Preis: ca. € 15,-.

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10. Mai 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Zwischen 1979 und 1985 veröffentlichte Philip Roth insgesamt vier Bücher, in deren Mittelpunkt der fiktive Schriftsteller Nathan Zuckerman steht. Bis heute sind noch fünf weitere gefolgt, in denen er eine prominente Rolle spielt. Im letzten Jahr erschien mit »Exit Ghost« (der Titel ist Zitat einer Bühnenanweisung Shakespeares, bedeutet also soviel wie »Geist ab«) wahrscheinlich der Abschluss dieser Reihe.
»Exit Ghost« führt den 71-jährigen Nathan Zuckerman im Oktober 2004 nach New York zurück. Die letzten elf Lebensjahre hat er in der Provinz in Massachusetts verbracht, zurückgezogen in ein abgelegenes Haus, hat geschrieben und gelesen und nur wenige Menschen getroffen. Doch hat er vor neun Jahren eine Prostata-Operation über sich ergehen lassen müssen und leidet bis heute an deren Folgen: Inkontinenz und Impotenz. Nach New York kommt er in der Hoffnung, eine neue Behandlungsmethode könne ihn wenigstens von der ihm lästigen und peinlichen Inkontinenz befreien. Weil der Erfolg der Behandlung abgewartet und sie eventuell auch wiederholt werden muss, entschließt sich Zuckerman, für einige Zeit eine Wohnung in der Stadt zu nehmen. Da stößt er durch Zufall auf die Anzeige eines jungen Paares, das einen Wohnungstausch anbietet, um selbst aus New York herauszukommen. Schon bei der ersten Begegnung mit dem Paar verliebt sich Nathan Knall auf Fall in die junge Frau.
Doch damit beginnen erst die Verwicklungen, die den alternden Nathan nicht nur noch einmal mit den Nöten der Liebe konfrontieren, sondern ihn auch tief in seine Vergangenheit (die wir im ersten Zuckerman-Roman »Der Ghostwriter« finden) zurückführen werden …
Philip Roth: Exit Ghost. Aus dem Amerikanischen v. Dirk van Gunsteren. München: Hanser, 2008. ISBN: 978-3-446-23001-9. Preis: € 19,90.

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3. Mai 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Gisbert Haefs ist einer der Fleißigsten im deutschen Literaturbetrieb: Er ist nicht nur Übersetzer aus dem Englischen, sondern auch Herausgeber der deutschen Werkausgaben von Rudyard Kipling (»Das Dschungelbuch«), Ambrose Bierce (dessen »Wörterbuch des Teufels« hier schon empfohlen wurde) oder der argentinischen Autoren-Legende Jorge Luis Borges. Zudem ist er ein erfolgreicher Verfasser von Kriminal- und anderen Romanen, darunter auch eine ganze Reihe, die in der Antike spielen. Nun hat Haefs nach Hannibal und Alexander dem Großen auch dem römischen Feldherrn und Politiker Gaius Iulius Caesar einen Roman gewidmet.
In dessen Mittelpunkt steht Aurelius, einer von Caesars altgedienten Centurios, der von Caesar reaktiviert wird und ihn und seine Feldzüge von der Niederschlagung des gallischen Aufstands unter Vercingetorix im Jahr 52 v. Chr. bis in Caesars Todesjahr 44 v. Chr. begeleitet. In dieser Zeit bilden die Belagerung und Schlacht um Alesia – eine der militärischen Glanzleistungen Caesars – und sein Aufenthalt in Ägypten die beiden Höhepunkte.
Immer im Wechsel mit den Kapiteln um Caesar finden sich andere, die die römische Geschichte von den Gracchen (2. Jahrhundert v. Chr.) bis zur Kaiserzeit nacherzählen. Diese Kapitel folgen inhaltlich den Doppelbiografien Plutarchs, sind aber in einer lockeren, modernen Sprache gehalten, die ihre Lektüre auch für den nicht in antiker Geschichte Bewanderten zu einem Vergnügen machen. Weit entfernt von akademischer Strenge und Sprache werden so die Protagonisten der römischen Geschichte zu Menschen aus Fleisch und Blut. Einmal mehr ist es Haefs hier gelungen, die antike Welt lebendig werden zu lassen.
Gisbert Haefs: Caesar. Heyne Taschenbuch 47086. ISBN: 978-3-453-47086-6. Preis: € 8,95.

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