Archiv für Juni 2008


Harte Zeiten

28. Juni 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Charles Dickens (1812–1870) ist nach seiner großen Popularität im 19. Jahrhundert in Deutschland in der Hauptsache mit seinen frühen Romanen in Erinnerung geblieben. »Oliver Twist« und »David Copperfield«, von Dickens durchaus für ein erwachsenes Publikum seiner Zeit geschrieben, sind heute vielen Lesern als Jugendbücher bekannt. Dickens’ Werke nach 1850 werden hierzulande heute nur noch selten gelesen, obwohl sie im angelsächsischen Raum wesentlich zu seinem Ruhm als Klassiker beitragen. Zu diesen Romanen gehört auch »Harte Zeiten« (1854), ein satirischer Roman, der sowohl den naiven Vernunftsglauben mancher dickensscher Zeitgenossen als auch die sozialen Probleme der englischen Industrialisierung thematisiert.

Im Mittelpunkt stehen Louisa und Tom Gradgrind, die unter dem strengen Regime ihres Vaters aufwachsen: Seine Erziehungsprinzipien verbieten jede Fantasie und alle Gefühle, statt Märchen- gibt es Mathematikbücher, statt Zirkusbesuchen stehen wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Programm. Wie sich leicht denken lässt, erweisen sich diese beiden »Kinder der Vernunft« als denkbar unvorbereitet für das »wirkliche Leben«: Kaum aus der Obhut des Vaters in eine Banklehre entlassen, verfällt Tom der Spielleidenschaft und häuft rasch hohe Schulden an, während seine Schwester den Bankdirektor heiratet, weil sie glaubt, sich so ihrem Bruder am besten nützlich machen zu können. Doch als sich im Haus ihres Mannes ein junger Parteifreund vorstellt, der sofort beginnt, ihr den Hof zu machen, weiß die in Gefühlsdingen völlig unerfahrene junge Frau bald nicht mehr aus noch ein …

Charles Dickens: Harte Zeiten. Aus dem Englischen von Paul Heichen. Insel Taschenbuch 955. ISBN: 978-3-458-32655-7. Preis: € 11,50.

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Ein Sommer in Venedig

21. Juni 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Marek, ein neunjähriger polnischer Junge, freut sich auf seine Sommerferien: Er soll in diesem Jahr zusammen mit seiner Mutter zum ersten Mal nach Venedig fahren dürfen. Schon seine Großeltern haben die Lagunenstadt mehrfach besucht, und auch sein älterer Bruder hat die Eltern schon dorthin begleiten dürfen. Aber es kommt alles anders, denn es ist der Sommer 1939, und Mareks Mutter ist politisch engagiert und schiebt die Vorbereitungen zur Reise immer wieder hinaus. Als dann auch noch Mareks Vater einen Einberufungsbefehl erhält, wird der Urlaub endgültig abgesagt. Stattdessen fährt Marek mit seiner Mutter in den Süden Polens zu seiner Tante Weronika, die in einer Villa auf dem Land lebt. Hier vergisst Marek schon bald seine Enttäuschung, denn mit der Zeit belebt sich das Haus mehr und mehr: Weitere Tanten fliehen vor dem drohenden Krieg aufs Land, und auch Mareks Kusine Karola und sein älterer Bruder Wiktor treffen ein.

Da entdeckt Marek eines Tages im Keller eine »Quelle«, die einfach aus dem Boden sprudelt; nach und nach füllt sie alle Kellerräume mit Wasser. Und während draußen der Zweite Weltkrieg beginnt und die Straßen mit Flüchtlingen füllt, spielen Marek und seine Familie im Keller Venedig: Sie tragen Tische hinunter, legen Bretter als Stege zwischen sie, stellen Stühle und Sessel auf und verbringen so doch noch einige letzte Urlaubstage »in der Ferne«.

Diese atmosphärisch dichte Erzählung des in München und Warschau lebenden, polnischen Autors Włodzimierz Odojewski steht auf der Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises 2008, sei aber ausdrücklich auch Erwachsenen ans Herz gelegt.

Włodzimierz Odojewski: Ein Sommer in Venedig. Aus dem Polnischen von Barbara Schaefer. München: SchirmerGraf, 2007. ISBN: 978-3-86555-044-6. Preis: € 14,80.

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Auf der anderen Seite

14. Juni 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Fatih Akin, deutsch-türkischer Filmemacher, hatte bereits 2004 mit »Gegen die Wand« einen außergewöhnlichen Achtungserfolg bei Kritik und Publikum. Auch sein neuer Film »Auf der anderen Seite« erzählt eine deutsch-türkische Geschichte: Yeter (Nursel Köse) arbeitet als Prostituierte in Bremen. Eines Tages macht ihr ein älterer Freier, Ali Aksu (Tuncel Kurtiz), das Angebot, zu ihm zu ziehen und mit ihm zu leben. Er verspricht ihr denselben Monatsverdienst wie bisher, und Yeter ergreift das Angebot, ihrem bisherigen Leben zu entfliehen. Doch gleich am ersten Abend als Ali, Yeter und Alis Sohn Nejat (Baki Davrak) miteinander feiern, erleidet Ali einen Herzanfall und muss für einige Zeit ins Krankenhaus. Nachdem er wieder daheim ist, ist er oft schlechtgelaunt und eifersüchtig. Eines Tages schlägt er Yeter im Zorn, die unglücklich fällt und sofort tot ist.

Während Ali in Deutschland verurteilt wird und eine Haftstrafe antritt, sorgt Nejat für die Überführung der Leiche Yeters in die Türkei. In Istanbul angekommen, versucht er Yeters Tochter Ayten (Nurgül Yesilçay) zu finden, die spurlos verschwunden zu sein scheint. Ayten befindet sich zu dieser Zeit in Deutschland, da sie in der Türkei wegen ihrer politischen Aktivitäten gesucht wird. Sie kommt nach Hamburg, freundet sich mit der jungen Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) an und begibt sich zusammen mit ihr in Bremen auf die Suche nach ihrer Mutter. Aber schon bald werden ihre falschen Papiere entdeckt und sie wird in die Türkei abgeschoben. Lotte folgt ihrer Freundin in die Türkei und wird dort in die Vergangenheit Aytens verwickelt …

»Auf der anderen Seite«. Deutschland/Türkei/Italien, 2004. FSK: ab 12 Jahren. 1 DVD, Pandora Film. Länge: ca. 116 Minuten. Sprachen: Deutsch, Türkisch. Preis: ca. € 16,-.

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Rot und Schwarz

7. Juni 2008, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Julien Sorel wächst in bescheidenen Verhältnissen in der Kleinstadt Verrières auf. Da er durch sein ungewöhnliches Gedächtnis dem Pfarrer auffällt, erhält er Unterricht und wird eines Tages Hauslehrer beim Bürgermeister der Stadt, Monsieur de Rênal. Der unerfahrene junge Mann verliebt sich bald glühend in Madame de Rênal, und beide beginnen einen Affäre, die nur mit knapper Not der Entdeckung entgeht. Julien flieht nach Besançon und schreibt sich dort ins Priesterseminar ein. Aber auch hier kommt er nicht zur Ruhe, da Karriereneid und Intrigen das Seminar beherrschen. Als Juliens Mentor das Seminar verlässt, vermittelt er Julien den Posten eines Privatsekretärs im Hause des Marquis de la Mole.

Dort trifft Julien auf die Tochter des Hauses, Mathilde, eine gelangweilte junge Aristokratin, für die Julien eine interessante Abwechslung ihres Alltags bedeutet. Sie verführt Julien, weist ihn dann wieder zurück, verführt ihn ein weiteres Mal und gesteht sich schließlich ihre Liebe zu ihm ein. Julien, der durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen ist, sieht sich plötzlich am Ziel seiner Träume: Die schwangere Mathilde will ihren Vater dazu nötigen, einer Hochzeit der beiden zuzustimmen, als eines Tages ein fataler Brief im Hause de la Mole eintrifft …

Stendhal (eigtl. Henri-Marie Beyle, 1783-1842) hat mit »Rot und Schwarz« sein erstes Meisterwerk auf der Grenze zwischen Romantik und Realismus verfasst. Die Neuübersetzung von Elisabeth Edl präsentiert diesen Klassiker der Weltliteratur zum ersten Mal in einer dem Original adäquaten Sprache.

Stendhal: Rot und Schwarz. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. dtv Taschenbuch 13525. ISBN: 978-3-423-13525-2. Preis: € 14,90.

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