27. September 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Schuld waren die Corgis: Als Königin Elizabeth II. von England eines Tages ihren Hunden nachlaufen muss, die ums Schloss Windsor herum zu verschwinden drohen, stößt sie hinter dem Schloss ganz zufällig auf den Bücherbus der Bibliothek von Westminster. Dieser Bücherbus versorgt das Personal der Königin jeden Mittwoch mit Lektüre, ohne dass dies der Herrscherin bislang aufgefallen wäre. Mit einer Mischung aus Neugier und pflichtbewusster Höflichkeit betritt Elizabeth II. den Bücherbus, grüßt den Fahrer und den Küchenhelfer Norman Seakins, der sich gerade Bücher aussucht, und schaut sich um. Obwohl sie bislang keine große Leserin war, leiht sie sich ein Buch von Ivy Compton-Burnett aus, an die sie sich persönlich erinnert, weil sie sie 1967 geadelt hat.
Zwar ist die Königin von diesem ersten Buch nicht restlos begeistert, aber immerhin liest sie es zu Ende und bringt es in der Woche darauf auch selbst zurück. Als nächstes Buch fällt ihr Nancy Mitfords »Englische Liebschaften« in die Hand. Mit der Lektüre der »Englischen Liebschaften« hat es die Königin gepackt: Von nun an verfällt sie der Leseleidenschaft, hat stets auch bei offiziellen Anlässen ein Buch in ihrer Handtasche dabei, macht den Küchenhelfer Norman zu ihrem persönlichen Bibliotheks-Pagen und empfindet ihre Repräsentationspflichten mehr und mehr als lästig. Das verursacht verständlicher Weise Irritationen in der nächsten Umgebung der Herrscherin …
Alan Bennett (Jg. 1934), der in England ein sehr erfolgreicher Erzähler und Theaterautor ist, wird mit diesem entzückenden kleinen Buch bei uns gerade erst richtig entdeckt.
Alan Bennett: Die souveräne Leserin. Berlin: Wagenbach, 2008. ISBN: 978-3-8031-1254-5. Preis: € 14,90.

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20. September 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Fast jeder kennt die Geschichte vom Kannitverstan: Wie es einen deutschen Handwerksburschen nach Amsterdam verschlägt, wo er vor lauter Pracht aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Vor einem herrlichen Haus fragt er einen Passanten, wem das Haus wohl gehöre, und kassiert als Antwort ein kurzes »Kannitverstan«, also »Ich verstehe Euch nicht«. Genauso ergeht es ihm vor einem prächtigen Schiff und schließlich auch, als er auf einen Beerdigungszug trifft und fragt, wer denn da beerdigt werde.
»Armer Kannitverstan«, rief er aus, »was hast du nun von allem deinem Reichtum?«
So bekannt diese Geschichte auch ist, nur wenige kennen ihren Autor. Es war Johann Peter Hebel (1760–1826), der als Gymnasialprofessor in Karlsruhe ab 1803 einen jährlichen Kalender, ab 1808 unter dem Titel »Der Rheinländische Hausfreund« gestaltete und herausgab. Der größere Teil des Kalenders brachte kleine Geschichten und kurze Aufsätze, die in volkstümlicher Sprache alle möglichen Themen von der Landwirtschaft bis zur Astronomie, Anekdoten, Nachrichten aus aller Welt, Erzählungen und Historisches enthielten. Im Jahr 1811 versammelte Hebel seine Beiträge zum Kalender unter dem Titel »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes« in einem Buch, das rasch in ganz Deutschland Erfolg hatte.
Noch heute ist das »Schatzkästlein« ein höchst vergnügliches Lesebuch, das einen festen Platz auf dem Nachttischchen aller Leserinnen und Leser verdient hat. Die witzigen und geistreichen Texte mit einem Umfang zwischen einer halben und drei Seiten bilden eine ideale Gutenacht-Lektüre.
Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Insel Taschenbuch 719. ISBN: 978-3-458-32419-5. Preis: € 13,00.

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13. September 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Am 16. September jährt sich der Geburtstag von Friedrich Torberg (bürgerlich Friedrich Kantor) zum 100. Mal. Torberg war Sohn einer österreichisch-tschechoslowakischen Familie, wurde in Wien geboren, wo er auch den Großteil seines Lebens zubrachte. Zwischen den beiden Weltkriegen arbeitete er als Journalist, Schriftsteller, Theaterkritiker und Übersetzer, floh dann vor den Nationalsozialisten über die Schweiz und Frankreich in die USA, wo er sich in Hollywood als Drehbuchautor verdingte. 1951 kehrte er als US-amerikanischer Staatsbürger nach Wien zurück und nahm seine publizistische Tätigkeit wieder auf. Neben seinen äußerst beliebten Übersetzungen Ephraim Kishons hatte Torberg zwei große Bucherfolge: Seinen Abiturientenroman »Der Schüler Gerber« und seine späte Anekdotensammlung »Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten«.
»Die Tante Jolesch« ist ein Erinnerungsbuch, in dem Torberg die Zeit zwischen den Kriegen in Wien wieder auferstehen lässt. Wie der Untertitel schon sagt, entsteht dieses liebevolle und humorvolle Porträt des Wiener Lebens durch eine Sammlung von Anekdoten, die Torberg selbst erlebt oder erzählt bekommen hat. Dabei entstehen einige unsterbliche Charaktere, so etwa der Kaffeehausbesitzer Neugröschl, der für seinen rabiaten Umgang mit den Gästen berühmt war, oder der Rechtsanwalt Dr. Sperber, der zwar kaum einen Prozess gewann, dafür aber mit seinen Aussprüchen – »Hohes Gericht, mein Mandant verblödet mir unter der Hand!« – Zuhörer, Staatsanwalt und Richter die Lachtränen in die Augen trieb.
Ein hoch amüsantes Büchlein, auch bestens geeignet zur kurzen Lektüre zwischendurch.
Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten. dtv 1266. ISBN: 978-3-423-01266-9. Preis: € 9,00.

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6. September 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Der Österreicher Christoph Ransmayr (geb. 1954) ist vor 20 Jahren mit seinem Roman »Die letzte Welt« über das Exil des altrömischen Dichters Ovid bekannt geworden. »Die letzte Welt« ist ein virtuoses Kaleidoskop aus Ovids Biographie, dessen »Metamorphosen« und Elementen der Gegenwart. Das Buch war ein überraschender Erfolg; allerdings war es nicht das erste Buch, in dem Ransmayr seine Montagetechnik angewandt hat. Bereits vier Jahre zuvor war sein Roman »Die Schrecken des Eises und der Finsternis« erschienen, damals weitgehend unbeachtet, in dem Ransmayr aus zahlreichen Quellen ein faszinierendes Mosaik zusammengefügt hatte. Erst der Erfolg des Ovid-Buchs brachte auch dem Vorläufer einige Aufmerksamkeit.
Im Zentrum des Romans steht die Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition von 1872 bis 1874, damals noch ein echter Aufbruch ins Unbekannte. Unter der Leitung des Kartographen Julius von Payer und des Kapitäns Carl Weyprecht brachen damals gut 20 Personen auf dem eisgängigen Segelschiff Admiral Tegetthoff ins Nordpolarmeer auf. Kapitän Weyprecht ging davon aus, es gebe eine weitgehend eisfreie Nordost-Passage, also einen Seeweg nach Asien auf der Nordroute statt um Afrika herum.
Diese Einschätzung sollte sich als herber Irrtum erweisen: Obwohl die Admiral Tegetthoff nach Weyprechts Plänen extra mit einer Dampfmaschine als Hilfsantrieb ausgestattet war, war das Schiff binnen Kurzem vom Packeis umschlossen. Zwei harte Winter in der Arktis, die Schrecken des Eises und der Finsternis, standen den Expeditionsteilnehmern bevor …
Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Bibliothek d. Süddeutschen Zeitung, Bd. 84. ISBN: 978-3-86615-534-3. Preis: € 5,90.

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