29. November 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Bei den Hoovers herrscht Krisenstimmung: Vater Greg (Greg Kinnear), der erfolglos Erfolgsseminare anbietet, steht kurz vor dem Konkurs, der pubertierende Sohn Dwayne (Paul Dano) hat ein Schweigegelübde abgelegt und hasst alle Menschen, Onkel Frank (Steve Carell) hat gerade einen Selbstmordversuch hinter sich, Mutter Olive (Toni Collette) steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch, Opa Edwin (Alan Arkin) ist drogenabhängig und nur die kleine Olive (Abigail Breslin) hat Grund zur Freude – sie hat einen Platz bei einem Kinderschönheitswettbewerb gewonnen. Und so entschließt sich die Familie im VW-Bus die 1300 km von New Mexiko nach Kalifornien zu fahren, wo der Wettbewerb »Little Miss Sunshine« stattfindet.
Natürlich geht unterwegs alles schief: Der Bus geht kaputt, so dass er nach jedem Halt angeschoben werden muss. Vater Greg bekommt die Nachricht, dass sich seine letzte geschäftliche Hoffnung zerschlagen hat. Dwayne erfährt, dass er farbenblind ist und deshalb seinen einzigen Traum, Jet-Pilot zu werden, aufgeben muss. Und als sei all das nicht genug, stirbt unterwegs auch noch Großvater Edwin. Trotz aller Widrigkeiten schaffen die Hoovers es buchstäblich in der letzten Minute, Olive zu ihrem Wettbewerb zu bringen. Erst dort bemerken sie, dass sie die Reise auf seltsame Weise zusammengeschweißt hat …
Das Regie-Ehepaar Jonathan Dayton und Valerie Ferris hat mit diesem Roadmovie nicht nur eine humorvolle Familiengeschichte gedreht, sondern auch eine Fabel über den schönen Schein und die Wirklichkeit der US-amerikanischen Gesellschaft.
»Little Miss Sunshine«. USA, 2006. DVD, 20th Century Fox. Sprachen: Deutsch, Englisch. Extras: Kommentar der Regisseure; alternative Enden. Länge: ca. 99 Minuten. FSK: ab 6 Jahren.

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22. November 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Balram Halwai hat es geschafft: Er hat sich als Sohn eines Rikschafahrers vom Habenichts zum selbstständigen Unternehmer emporgearbeitet. Balram stammt aus einem indischen Dorf in der namenlosen Weite Indiens, aus der Dunkelheit, wie er selbst es nennt. Balram geht, wie so viele andere auch, nach Delhi, um dort Arbeit zu finden. Er hat den Wunsch nach sozialem Aufstieg, deshalb lernt er Autofahren und wird schließlich Fahrer im Haus eines seiner früheren Grundherren. Es dauert lange, bis Balram beginnt, seine Naivität abzulegen und zu begreifen, dass die Welt des modernen Indien nur wenig mit der seines Dorfes gemein hat. Und er sieht von Tag zu Tag klarer, dass die sozialen Grenzen für ihn eng gezogen sind.
Und dennoch ist Balram, als er all dies erzählt, Inhaber eines Taxiunternehmens in Bangalore. Er hat den Aufstieg aus Armut und Unterdrückung geschafft und ist sein eigener Herr geworden. Er ist der weiße Tiger, eines der seltenen Geschöpfe des Dschungels, von denen nur jeweils einer in einer ganzen Generation geboren werden. Wie mag das damit zusammenpassen, dass Balram unter einem falschen Namen in Bangalore lebt und von der Polizei gesucht wird?
Der junge indische Autor Aravind Adiga (geb. 1974) hat mit seinem bemerkenswerten Erstlingsroman »Der weiße Tiger« gleich den Sprung zu internationaler Anerkennung geschafft. Das Buch hat in diesem Jahr den renommierten englischen Booker Prize gewonnen und liegt jetzt bereits auf Deutsch vor. Diesem schwarzhumorigen Schelmenroman ist auch hierzulande ein Bestseller-Erfolg zu wünschen.
Aravind Adiga: Der weiße Tiger. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. München: C.H. Beck, 2008. ISBN: 978-3-406-57691-1. Preis: € 19,90.

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15. November 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Als Manny DeLeon an einem Tag kurz vor Weihnachten seinen Dienst in einem Restaurant der amerikanischen Kette Red Lobster antritt, soll es, wenn es nach ihm ginge, ein Arbeitstag wie jeder andere werden. Aber eigentlich weiß er es besser: Er ist der Manager der Filiale, die heute zum letzten Mal ihre Pforten öffnet. Die Geschäftsleitung der Kette ist mit den Umsatzzahlen nicht zufrieden und hat beschlossen, das Restaurant zu schließen. Manny ist nicht sicher, wer von seinen Angestellten heute noch zur Arbeit erscheinen wird. Zum Glück ist aber das Wetter schlecht und wird im Verlauf des Tages immer noch schlechter, so dass Manny auch mit einer minimalen Besetzung in Küche und Restaurant über die Runden kommt. Andererseits hat er so mehr Zeit zum Nachdenken, als ihm lieb ist.
Zwar weiß Manny, wie es für ihn im nächsten Jahr beruflich weitergehen wird: Er wird mit einigen wenigen Kollegen in einem Restaurant im Nachbarort arbeiten. Aber privat macht er gerade eine Zeit der Unsicherheit durch: Seine langjährige Freundin Deena ist von ihm schwanger und die beiden werden wohl heiraten, doch innerlich trauert Manny immer noch der Affäre mit einer seiner Kellnerinnen, der verheirateten Jacquie, nach.
Stewart O’Nan erzählt diese Zeit des Wechsels und des Umbruchs in einer äußerlich ganz schlichten und nur scheinbar kunstlosen Geschichte. Er beschreibt mit großer Sachkenntnis und Liebe zum Detail den Tagesablauf in dem kleinen Restaurant, dessen beinah alltägliche Routine von der Melancholie des Abschieds und einigen kleineren Katastrophen überschattet wird. Eine ungewöhnlich ruhige und gedankenvolle Erzählung.
Stewart O’Nan: Letzte Nacht. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Hamburg: Marebuch, 2007. ISBN: 978-3-86648-074-2. Preis: € 18,00.

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8. November 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Frank Bascombe ist 39 Jahre alt und von Beruf Sportreporter. Nach der Highschool war Frank für einige Zeit beim Militär, danach hat er angefangen zu studieren und zu schreiben. Sein erstes (und einziges) Buch war ein Band mit Kurzgeschichten, der bei den Kritikern erfolgreich war und sich auch einigermaßen gut verkauft hat. Bei einer Signierstunde lernte Frank seine jetzige Exfrau kennen; mir ihr zog er in den kleinen Ort Haddon in New Jersey, und die beiden bekamen einen Sohn und eine Tochter. Ihr drittes Kind aber starb, und an diesem Tod zerbrach die Ehe.
Frank Bascombe hat irgendwann aufgehört, einen Roman schreiben zu wollen und einen Job bei einem angesehenen New Yorker Sportmagazin angenommen. Frank redet gern mit Männern über Sport, denn Sport ist unverfänglich, die meisten haben eine Meinung dazu und die Zeit geht vorüber, ohne dass man einander lästig wird. Frank trauert noch immer seiner Ehe nach, obwohl er gerade wieder einmal eine neue Freundin hat, mit der er das Osterwochenende des Jahres 1984 verbringen will. Doch es kommt alles ganz anders, als er sich das vorgestellt hat, und am Ende dieses langen Wochenendes wird Franks Leben auf völlig unerwartete Weise aus der Bahn geworfen werden …
Richard Ford hat mit diesem ersten Frank-Bascombe-Roman den Grundstein zu einer Trilogie gelegt, die er 2007 nach 20 Jahren mit »Die Lage des Landes« abgeschlossen hat. Sein Held scheint einerseits ein recht gewöhnlicher Mensch zu sein, andererseits erweist er sich immer erneut als ein stiller, präziser und nachdenklicher Beobachter der amerikanischen Wirklichkeit seit den 80er-Jahren.
Richard Ford: Der Sportreporter. Aus dem Amerikanischen von Hans Hermann. BVT 323. ISBN: 978-3-8333-0323-4. Preis: € 11,90.

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1. November 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Daniel Defoe (ca. 1660-1731) ist außerhalb Englands in der Hauptsache als Autor eines einzigen Buchs bekannt: »Robinson Crusoe«. Er hat erst im Alter von etwa 60 Jahren angefangen, Romane zu schreiben, nachdem er sein Geld zuvor als Händler und Journalist verdient hatte. Auch eine Zeit im Gefängnis hatte er abgesessen, und wurde nach seiner Entlassung von der Regierung als eine Art Geheimagent beschäftigt. Nach dem sehr erfolgreichen »Robinson Crusoe« folgten zahlreiche andere Romane, darunter auch der seit seinem Erscheinen 1722 als unmoralisch und unzüchtig verrufene »Moll Flanders«, der in der Tradition der Schelmenromane eine Bigamistin, Diebin und Prostituierte zur Heldin macht.
Moll Flanders, im Gefängnis von Newgate (London) von ihrer zur Deportation nach Nordamerika verurteilten Mutter geboren, wird der Mutter weggenommen und als Waisenkind herumgereicht, bis sie schließlich mit Zigeunern herumzieht und endlich vom Bürgermeister von Colchester in sein Haus aufgenommen wird. Dort lebt sie halb als Tochter, halb als Bedienstete, und ihr Unglück beginnt, als sich beide Söhne des Hauses sich zugleich in sie verlieben. Sie wird von dem einen verführt, muss aber den anderen heiraten, und als dieser stirbt beginnt ihr außergewöhnliches und abenteuerliches Leben …
Regisseur David Atwood hat 1996 für das englische Fernsehen eine gut besetzte, textgetreue und historisch sorgfältige Verfilmung des Romans erstellt, die ein spannendes und humorvolles Bild vom Leben Ende des 17. Jahrhunderts zeichnet und inzwischen auch auf DVD vorliegt.
»Die skandalösen Abenteuer der Moll Flanders«. GB, 1996. 2 DVDs, Granada. Länge: insg. ca. 189 Minuten. Preis: ca. € 15,-.

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