20. Dezember 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1933 findet auf dem Berliner Opernplatz ein großes Propaganda-Spektakel der neuen, nationalsozialistischen Regierung statt: Hier – und zeitgleich in 21 weiteren Hochschulstädten – werden öffentlich Bücher von Autoren verbrannt, die dem Regime nicht ins Weltbild passen, weil sie Juden sind oder politisch links stehen, weil sie Kriegsgegner sind, weil es ihnen an nationaler Gesinnung gebricht oder auch nur, weil jemand irgendeines ihrer Bücher für »undeutsch« gehalten hat. Die Aktion war von der »Deutschen Studentenschaft« organisiert worden, wurde aber vom Propagandaministerium direkt unterstützt; in Berlin hielt gegen Mitternacht Propagandaminister Joseph Goebbels selbst eine Brandrede.
Viele der Autoren, deren Bücher damals verbrannt wurden, sind heute praktisch vergessen. Ihre Bücher wurden nach dem Krieg nicht mehr aufgelegt, ihre Karriere als Schriftsteller war zerstört. Volker Weidermann, Literaturkritiker und Feuilletonchef der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« hat sich die Mühe gemacht, der ersten Liste verbrannter Bücher nachzuforschen. Er hat versucht, das Schicksal aller 131 Autoren, die auf dieser ersten Verbotsliste des Dritten Reichs standen, zu ermitteln, die verbrannten Bücher aufzufinden und zu lesen. Nicht in allen Fällen ist das gelungen: Manche der Schriftsteller sind während oder nach dem Krieg einfach verschwunden, ohne eine greifbare Spur zu hinterlassen. Mit dieser besonderen Literaturgeschichte wird zum ersten Mal die ganze Breite der Opfer der nationalsozialistischen Bücherverbrennung dargestellt und gewürdigt.
Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Bücher! Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2008. ISBN: 978-3-462-03962-7.
Schlagwörter: 3. Reich, Exil-Autoren, Literaturgeschichte.

Loading ...
Kommentieren » | Buch
6. Dezember 2008, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Heute vor 350 Jahren starb im Jesuitenkolleg von Tarazon, einem kleinen Städtchen im Nordwesten von Aragon, mit nur knapp 58 Jahre der Jesuitenpater Baltasar Gracián. Er hatte in seinen letzten Lebensjahren nicht viel Ruhe gehabt: Seine satirischen Schriften und besonders auch sein großer, allegorischer Roman »Das Kritikon« hatten ihm viele Feinde eingebracht. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts geboren, war er mit 18 Jahren dem Jesuitenorden beigetreten und hatte sich schon bald einen Namen als Prediger, Lehrer und Redner gemacht und wirkte in Zaragoza, Tarragona, Valencia und Madrid.
Die allermeisten von Graciáns Schriften sind heute eine Sache für Spezialisten. Selbst das Hauptwerk »Das Kritikon«, das 2001 noch einmal vollständig neu ins Deutsche übersetzt wurde, dürfte nur noch wenige Leser finden. Aber ein Werk hat die Zeitläufte unbeschadet überstanden und fasziniert heute noch so wie zu Lebzeiten des Autors: das »Handorakel«. Dieses schmale Bändchen ist eine Sammlung von 300 kurzen Abschnitten, die alle die Lebens- und Weltklugheit zum Thema haben. Graciáns Ratschläge für ein gutes Leben mögen im Einzelnen nicht wirklich überraschen, aber in ihrer Gesamtheit bilden sie so etwas wie ein ideales Porträt des Menschen in Gesellschaft.
In Deutschland hatte das Büchlein das Glück von einem großen Philosophen und Stilisten – eine Kombination, die nicht häufig ist – übersetzt zu werden: Arthur Schopenhauer war ein großer Freund Graciáns und hat das Handorakel 1832 so sorgfältig in Deutsche übersetzt, dass seine Übertragung bis heute gültig geblieben ist.
Baltasar Gracián: Handorakel und Kunst der Weltklugheit. Aus dem Spanischen von Arthur Schopenhauer. dtv Taschenbuch 34244. ISBN: 978-3-423-34244-5. Preis: € 6,00.
Schlagwörter: Lebensweisheit, Philosophie, Schopenhauer.

Loading ...
Kommentieren » | Buch