Archiv für Mai 2009


Der Erwählte

30. Mai 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Nach der großen Anstrengung seines »Doktor Faustus« (1947) schrieb Thomas Mann als nächsten einen humoristischen und leichten Roman: »Der Erwählte« (1951). Es handelt sich dabei um eine parodistische Neuerzählung des »Gregorius« des Hartmann von Aue (12./13. Jahrhundert). Erzählt wird die Geschichte eines aus der verbotenen Liebe zweier Geschwister aus Fürstenhaus hervorgegangenen Knaben, der als Baby ausgesetzt wird, auf einer der Kanalinseln heranwächst und dort zum Geistlichen erzogen wird. Trotz dieser Ausbildung drängt es Gregorius, Ritter zu werden, was er schließlich auch durchsetzt.

Er kehrt unwissentlich in seine Heimat zurück, befreit die Stadt, in der seine Mutter residiert, von einer Belagerung und heiratet im Anschluss seine Mutter, mit der er zwei Töchter zeugt. Als zufällig die verwickelten Verwandtschaftsverhältnisse zutage kommen, verbannt sich Gregorius zu einem Exil im Sünderhemd auf einer winzigen Felseninsel, auf der er auf wundersame Weise von der Erde selbst genährt wird. Befreit wird er nach 17 Jahren von zwei römischen Gesandten, die sich aufgrund einer göttlichen Vision auf die Suche nach ihm gemacht hatten, um ihn als Papst nach Rom zu führen.

Diese im Grunde gräuliche Geschichte, die übrigens keinem wirklichen Papst zugeordnet wird, ist schon bei Hartmann mit zahlreichen märchenhaften und fantastischen Elementen durchsetzt. Mit Hilfe seines leichten und ironischen Tons verwandelt Thomas Mann diesen Stoff in ein humoristisches Glanzstück. Ich empfehle, sich das Büchlein vom »König der Vorleser«, Gert Westphal, vorlesen zu lassen.

Thomas Mann: Der Erwählte. Ungekürzte Lesung von Gert Westphal. Berlin: Universal/Deutsche Grammophon, 2005. 10 CDs mit zus. etwa 660 Minuten Laufzeit. Preis: ca. 60,- €.

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Alle sterben, auch die Löffelstöre

29. Mai 2009, 16:00 Uhr | Autor: Irene Burgdorf

“Liebe Skarlet, das ist ein Brief aus dem Jenseits, aber Du bist eine der ganz wenigen, denen ich zutraue, mit der makraben Situation umzugehen.”

So beginnt der letzte Brief, den Paul an Skarlett schreibt, und damit beginnt auch dieser Roman.

Es ist die Geschichte von Paul und Skarlet, aufgewachsen in der damaligen DDR und beste Freunde seit Kindertagen, aber niemals ein Paar. Gemeinsam überstehen sie die Zeit im Kindergarten bei “Tante Edeltraut”, geben sich gegenseitig Halt in Schule, Ausbildung und Studium und erleben voller Euphorie den Herbst 1989. Obwohl sie völlig unterschiedliche Lebenswege gehen, bleiben sie immer miteinander verbunden.

Und jetzt ist Paul tot. Mit 40 Jahren ist er einen Tag vor Silvester an  Krebs gestorben. Gerade hat er Judith geheiratet und sein Sohn Lukasist erst ein paar Monate alt.

Skarlet soll Pauls Grabrede halten: “…ein bisschen Geschichte erzählen ohne Pathos.”  Zwischen den Beerdigungsvorbereitungen mit Judith ( Sie bemalen Pauls Sarg) blickt Skarlet zurück, erinnert sich an eben diese Geschichten, die sie erzählen soll.

Kathrin Ähnlich (geb. 1957 in Leipzig) hat einen wunderschönen Roman geschrieben, über eine Freundschaft, den Tod, Träume und Geschichte und Geschichten aus der ehemaligen DDR. Es ist ein heiterer und trauriger Roman, manchmal witzig und hintergründig, immer bewegend. Einfach schön!

Übrigens, wer nicht weiß, was Löffelstöre sind, erfährt das in diesem Roman und auch, wie es zu diesem merkwürdigen Titel kam.

Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die Löffelstöre. – Hamburg (u.a.): Arche-Literatur-Verlag, 2007. – 250 S. ISBN 3716023663,  19,00€

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Swing Vote – die beste Wahl

23. Mai 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Bud Johnson (Kevin Costner) ist ein alleinerziehender Vater, der mit seiner 12-jährigen Tochter Molly (Madeline Carroll) in ärmlichen Verhältnissen in einem winzigen Ort im US-Bundesstaat New Mexico lebt. Molly ist ein hochintelligentes Mädchen, das sich brennend für Politik interessiert. Sie will unbedingt, dass ihr Vater an der Präsidenten-Wahl teilnimmt. Aber da Bud gerade an diesem Tag seinen Job verliert, betrinkt er sich und vergisst die Verabredung mit seiner Tochter beim Wahllokal. Verärgert über ihren Vater schleicht sich Molly am schlafenden Wahlhelfer vorbei zum Wahlcomputer, doch gerade als sie statt ihres Vaters wählen will, fällt für einen Moment der Strom aus und Molly flüchtet aus dem Wahllokal.

Nun ergibt sich der Zufall, dass sich zwischen dem Präsident um dem Herausforderer ein Patt ergibt: Wer von den beiden die Wahl in New Mexico gewinnen wird, hat die Wahl gewonnen. Und auch die Stimmenauszählung in New Mexico ist gänzlich ausgeglichen, so dass eine weitere Stimme die Wahl entscheiden wird. Und da, als Molly wählen wollte, der Strom ausgefallen ist, darf Bud Johnson sein Wahlrecht doch noch wahrnehmen: Er allein wird entscheiden, wer der Präsident der USA sein wird.

Regisseur Joshua Michael Stern hat aus dieser unwahrscheinlichen Konstellation heraus ein humorvolles Lehrstück in Sachen Demokratie entwickelt. In den zehn Tagen, die Bud Johnson für seine Entscheidung hat, wird er von seiner Tochter vom unpolitischen Faulpelz zum politisch verantwortlichen Wähler gewandelt.

»Swing Vote. Die beste Wahl«. USA, 2008. 2 DVDs, Splendid Entertainment. Sprachen: Deutsch, Englisch. Extras: Making-of, Interviews, Deleted + extended Scenes u.v.m. Länge: ca. 115 Minuten. FSK: ab 6 Jahren. Preis: ca. € 13,-.

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“Perfect World”

19. Mai 2009, 15:34 Uhr | Autor: Claudia Elsner-Overberg

Es gibt ja Menschen, die behaupten, dass Clint Eastwood genau zwei Gesichter hat: eins mit Hut und eins ohne. ;-)

Das ist natürlich eine Behauptung, die nachdenklich stimmt. Im vorliegenden Film führt Eastwood Regie und spielt selbst wieder mit.

Kevin Costner spielt den Verbrecher Butch, der mit seinem Zellennachbarn aus einem Gefängnis ausbricht und in der Halloween-Nacht den kleinen Phillip als Geisel mit auf die Flucht nimmt. Phillip, erzogen im Geiste der Zeugen Jehovas, entwickelt auf der Flucht einen vertrauensvollen Zugang zu dem Verbrecher. Beide werden von einem Spezialteam gejagt, dem der Polizeichef Red Garnett vorsteht (Clint Eastwood). Der kleine Phillip bewundert auf der Flucht  den großen Butch immer mehr und solidarisiert sich mit ihm. Butch geht liebevoll mit dem Kleinen um, die beiden wirken fast wie Vater und Sohn. Doch Red Garnett ist entschlossen, Butch zur Strecke zu bringen…

Am Ende mag man den Verbrecher und wünscht ihm trotz aller Morde und Gewalttaten,  dass er überlebt.

Der Film ist ein Road-Movie, das Anfang der 60-er Jahre im texanischen Hinterland spielt.

“Perfect World”. – USA, 1993. – 132 Min.  Regie: Clint Eastwood.  Darsteller: Kevin Costner u.a. – FSK ab 16

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Juli Zeh: Schilf

18. Mai 2009, 11:53 Uhr | Autor: Amandax

So absurd, wie das Leben selber und gerade deshalb so erschreckend realistisch. Der Roman, was auch immer er sein soll, ein Krimi, eine Liebesgeschichte, Familientragödie, Entführungsfall, physikalische Spekulation, Detektivroman, fesselte mich genau von S. drei bis S. 200, da musste ich leider wegen einer Vormerkung abbrechen. Natürlich habe ich mir das Buch jetzt selber gekauft, denn ich muss wissen, wie’s weitergeht. Selbst unvollendet wäre es ein Hochgenuss, da sprachlich brillant, intelligent, wortgewaltig und wortwitzig. Mein Wunsch für die Entwicklung der Geschichte wäre, dass der sympathische Mörder wider Willen letztendlich ungeschoren davonkommt, hat er doch genug gelitten, gezittert und geschwitzt. Ein wahrhaftig abgründiges Lesevergnügen.

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