Archiv für August 2009


Buch der Katastrophen

29. August 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Düsseldorf hat zwei Literaten hervorgebracht, die den Vornamen Harry trugen: Der eine ist unter seinem späteren christlichen Taufamen berühmt geworden und lange ein ungeliebter Sohn seiner Heimatstadt geblieben: Heinrich Heine. Die Schriften des anderen stehen seit Jahrzehnten an der Grenze zum Vergessen, schaffen es aber doch immer wieder, im Druck zu bleiben. Die Rede ist von Hermann Harry Schmitz (1880–1913). Schmitz wurde als Sohn eines Düsseldorfer Fabrikdirektors geboren, aber schon als Schüler aus der bürgerlichen Laufbahn herausgeworfen, als ihn die Tuberkulose zwang, die Schule für einen längeren Kuraufenthalt auf Korsika zu verlassen. Von seinem Vater in eine ungeliebte kaufmännische Lehre gezwungen, fing Schmitz ab dem Jahr 1906 an, sich als Autor kurzer, satirischer Texte zu etablieren. Die wenigen Jahren, die ihm blieben, verbrachte er als Dandy in seiner Heimatstadt, wo er nicht nur durch seine Satiren und Reisebeschreibungen bekannt war, sondern sich auch als beliebter Conférencier einen Namen machte.

Am bekanntesten dürfte sein »Buch der Katastrophen« sein. In den darin versammelten Texten spielt Schmitz seine Stärke aus, alltägliche Situationen in bis ins Absurde gesteigerte Katastrophen ausarten zu lassen, so etwa die erste Schwangerschaft im bürgerlichen Haushalt der Beckers, die von drei Tanten, drei Ammen und den modernen Gerätschaften zur Säuglingspflege in den Wahnsinn getrieben werden. Oder ein prächtiges Buch, der Stolz einer kleinen Familie, das verliehen wird und auf diesem Weg die ganze Familie ins Unglück stürzt. Eine hoch amüsante Lektüre für Freunde des absurden Humors.

Hermann Harry Schmitz: Buch der Katastrophen. Insel Taschenbuch 3186. ISBN: 978-3-458-34886-3. Preis: € 7,50.

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Der Krieg des Charlie Wilson

22. August 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Charlie Wilson (Tom Hanks) war von 1961 bis 1997 für Texas Mitglied des US-amerikanischen Kongresses. Er war auch Mitglied eines Kongress-Ausschusses, der für die Finanzierung von Geheimdienst-Operationen im Ausland zuständig war. Im April 1980 begann Charlie Wilson sich für die Situation in Afghanistan zu interessieren, das Ende 1979 von der Sowjetunion besetzt worden war. Seitdem führten dort afghanische Widerstandskämpfer einen aussichtslosen Krieg gegen die Besetzer. Sie erhielten zwar Unterstützung vom CIA, doch war das Budget so gering, dass ein effektiver Kampf gegen den technisch weit überlegenen Gegner nicht möglich war. Als Charlie Wilson auf diese Lage aufmerksam wird, verdoppelt er kurzerhand das entsprechende Budget.

Noch am selben Tag erhält er einen Anruf der texanischen Millionärin Joanne Herring (Julia Roberts), die über beste internationale Beziehungen verfügt und einen Kontakt zwischen Charlie und dem pakistanischen Präsidenten herstellt. Nachdem Charlie in Pakistan ein afghanisches Flüchtlingslager besucht hat, macht er den Kampf der Mudschahedin zu seiner Sache: Ihm gelingt es bis zum Rückzug der Sowjets im Jahr 1989 insgesamt eine Milliarde Dollar an Unterstützung für den Krieg in Afghanistan zu organisieren.

Regisseur Mike Nichols (»Wer hat Angst vor Virginia Woolf«, »Die Reifeprüfung«) hat mit »Der Krieg des Charlie Wilson« eine höchst vergnügliche und hervorragend besetzte Geschichtsstunde über ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte des Kalten Krieges inszeniert.

»Der Krieg des Charlie Wilson«. USA, 2007. 1 DVD, Universal. Sprachen: Deutsch, Englisch, Ungarisch. Länge: ca. 98 Minuten. Extras: Making-of, Interviews mit Hanks und Roberts, Profil des wahren Charlie Wilson u. a. FSK: ab 12 Jahren. Preis: ca. € 9,–.

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Tante Julia und der Kunstschreiber

15. August 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Mario Vargas Llosa (geb. 1936) ist einer der populärsten Vertreter der südamerikanischen Literatur. Schon als Schüler begann der Peruaner zu schreiben, arbeitete als freier Journalist für lokale Zeitungen und brachte ein erstes Theaterstück auf die Bühne. Mit dem Roman »Die Stadt und die Hunde« hatte er 1962 seinen Durchbruch als Schriftsteller. Ab den 80-er Jahren wandte sich Vargas Llosa verstärkt der Politik zu, was 1990 in seiner Kandidatur für das Präsidentenamt Perus gipfelte. Er verlor damals die Stichwahl gegen Alberto Fujimori, der im Jahr 2000 wegen Korruptionsvorwürfen sein Amt räumen musste.

»Tante Julia und der Kunstschreiber« (1977) ist wahrscheinlich der humoristischste Roman Vargas Llosas. Sein Held, der 18-jährige Marito, der für einen kleinen Rundfunksender in Lima arbeitet, lernt am selben Tag zwei neue Menschen kennen: Seine geschiedene Tante Julia, in die er sich sofort haltlos verliebt, und den Autor Pedro Camacho, der für den Rundfunksender Radio-Novellas schreibt. Das Buch erzählt in einander abwechselnden Kapiteln einerseits die verwickelte Liebesgeschichte Julias und Maritos, der seine 14 Jahre ältere Tante unbedingt heiraten will, und andererseits Auszüge aus den diversen Radio-Novellas Pedros. Während Marito immer verzweifelter versucht, eine Person zu finden, die bereit ist, ihn mit Julia auch ohne Genehmigung von Maritos Eltern zu verheiraten, verirrt sich Pedro langsam aber sicher in seinen eigenen Geschichten, die er unter hohem Zeitdruck schreibt und die er, je länger sie werden, kaum noch auseinanderhalten kann. Beide Erzählstränge drohen, unaufhaltsam ins Chaos abzugleiten …

Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber. Suhrkamp Taschenbuch 1520. ISBN: 978-3-518-38020-8. Preis: € 10,00.

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Denken wir uns

8. August 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Der große deutsche Humorist Robert Gernhardt (1937–2006) war als Maler und Autor eine echte Doppelbegabung und auf diese Weise ein würdiger Nachfolger Wilhelm Buschs. Er wurde in Tallinn, Estland, als Sohn eines Richters geboren, der 1945 fiel. Die Mutter floh mit ihren drei Söhnen in den Westen und ließ sich 1946 in Göttingen nieder. Robert Gernhardt besuchte nach Abschluss der Schule die Akademien in Stuttgart und Berlin und studierte dort Malerei. Ab dem Jahr 1964 lebte er als Maler, Karikaturist und Schriftsteller in Frankfurt am Main. Er arbeitete für die Satirezeitschrift »Pardon« und später auch für die  »Titanic«. Er war Mitbegründer und einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten Neuen Frankfurter Schule.

Als Schriftsteller hat Gernhardt sowohl ein breites lyrisches als auch umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk geschaffen. In seiner humoristischen Lyrik verbindet sich oft sein zeichnerisches Talent mit seiner Neigung zum absurden Kurzgedicht.

Der Erzählband »Denken wir uns« erschien 2007 posthum als das letzte Buch, das Gernhardt noch selbst zusammengestellt hatte. Es enthält noch einmal eine breite Auswahl der Gernhardtschen Erzählkunst, von der absurden Anekdote bis zur historischen Erzählung, vom Essay bis zum metaphysisch-humoristschen Gedankenspiel. Die 26 Stücke werden eher locker dadurch verbunden, dass sie alle mit der Phrase »Denken wir uns« beginnen. Der schmale Band bietet eine gute Gelegenheit, die ganze Vielfalt des Gernhardtschen Erzählens Revue passieren zu lassen. Ein immer heiteres, gelegentlich aber auch nachdenklich stimmendes Büchlein.

Robert Gernhardt: Denken wir uns. Fischer Taschenbuch 17671. ISBN: 978-3-596-17671-7. Preis: € 9,95.

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“Kelwitts Stern” von Andreas Eschbach

5. August 2009, 11:57 Uhr | Autor: Junika

Andere Planeten – andere Sitten. Auf dem Heimatplaneten des Titelhelden Kelwitt wird jedem Neugeborenen ein Stern am Himmel geschenkt. Aus dieser Tradition hat sich der Brauch der “Orakelfahrt” entwickelt: Heranwachsende reisen in die Nähe “ihres” Sterns und deuten nach den dortigen Gegebenheiten – zum Beipiel nach der Anzahl und Beschaffenheit der umkreisenden Planeten – die Bestimmung und den Verlauf ihres Lebens.
Da Kelwitt absolut nicht weiß, was er mit seiner Zukunft anfangen soll setzt er seinen Wunsch nach einer solchen Reise durch.  Zufällig ist sein Stern unsere gute, alte Sonne. Aus lauter Begeisterung darüber, dass sein Stern von einem bewohnten Planeten umkreist wird nähert er sich der Erde und landet schließlich unfreiwillig und ziemlich unsanft in der Nähe von Stuttgart.

Da sich die Bewohner seines Heimatplaneten doch sehr von unserer Spezies unterscheiden (sie haben delfinartige Köpfe und verständigen sich im Ultraschallbereich) fällt der junge Besucher eindeutig auf – unter anderem einem besonders erfolglosen aber sehr verbissenen Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes. Nachdem er diesem unter dramatischen Umständen entkommt, findet er Aufnahme bei einer Familie, die eigentlich genügend eigene Sorgen hat. Kelwitt kann sich nach und nach über seinen Computer mit seinen Gastgebern verständigen und die absonderlichen Probleme, die dieses Zusammenleben heraufbeschwört, werden mit mehr  oder weniger ungewöhnlichen Lösungen mehr oder weniger gut bewältigt.

Allerdings gibt es Grund zur Sorge, als das Mutterschiff Kelwitt nicht zur vereinbarten Zeit abholt …

Sicher, das  Thema des auf der Erde gestrandeten Außerirdischen ist alles andere als neu. Trotzdem hat mich die Geschichte mit ihrer skurilen Komik in ihren Bann gezogen und ich habe das Schicksal des jungen Orakelfahrers, der seinem Leben Sinn und Richtung geben möchte, in  Gefahr gerät, dieses Leben zu verlieren und schließlich seine eigene Antwort findet, mit Spannung verfolgt.

Ein Entwicklungsroman über einen Außerirdischen? Na, na, ich will’s mal nicht übertreiben … Für mich ein herrlich schräges Leseerlebnis!

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