Archiv für September 2009


November 1918

26. September 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Alfred Döblin (1878–1957) wird oft nur als Autor eines einzigen Buchs wahrgenommen: Mit »Berlin Alexanderplatz« hatte Döblin 1929 den ersten bedeutenden deutschsprachigen Großstadtroman geliefert, beeinflusst einerseits von James Joyces »Ulysses« und John Dos Passos’ »Manhattan Transfer«, andererseits von Erzähltechniken der italienischen Futuristen. Die Geschichte des Franz Biberkopf, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis versucht, ein »guter Mensch« zu werden, wurde auch mehrfach verfilmt, zuletzt von Rainer Werner Fassbinder als über 15-stündiger TV-Mehrteiler.

Döblin musste 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen und erreichte über die Schweiz, Frankreich und Portugal schließlich die USA. In den Jahren des Exils entstand unter schwierigen Verhältnissen der umfangreiche Romanzyklus »November 1918«, der auf etwa 2.300 Seiten das Ende des Ersten Weltkriegs und die Zeit des Umbruchs vom deutschen Kaiserreich zur Weimarer Republik beschreibt. Döblin verfolgt in den vier Romanen des Zyklus die Schicksale eines Ensembles, das Figuren von der die politische Führung der entstehenden Republik bis hin zum Berliner Proletariat, von der militärischen Führung bis zum versehrten Kriegsheimkehrer, vom unpolitischen Intellektuellen bis zum politischen Agitator umfasst. Die Handlung präsentiert dabei sowohl konkreten Lebensalltag dieser Umbruchzeit als auch die historische Entwicklungen und politischen Entscheidungen, die diese Zeit geprägt haben. »November 1918« wurde auf diese Weise ein außergewöhnlich lebendiger und anschaulicher Roman über eine der spannendsten Phasen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. 4 Bde. dtv 59030. ISBN: 978-3-423-59030-3. Preis: € 68,00. Dieser Titel kann in der Stadtbibliothek Solingen über die Bergisch-Bib entliehen werden.

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“Die Herzen aller Mädchen” von Monika Geyer

25. September 2009, 10:58 Uhr | Autor: Junika

Ein kostbarer, illustrierter Ovid-Text steht im Mittelpunkt dieser Geschichte – getarnt in einem Psalter hat er die Jahrhunderte überdauert und taucht nun als anonyme Spende in einer Privatbibliothek auf. Der Germanist Gregor Krampe, Bibliothekar in eben dieser Institution und Sohn eines bekannten Autors reißerischer Spionageromane, gerät ins Blickfeld der Polizei, als seine Mutter durch eine Paketbombe schwer verletzt wird und herauskommt, dass sie seit Jahren mit anonymen Postkarten terrorisiert wird; diese beinhalten immer ein Zitat aus besagtem Ovid-Text. Krampe, der sich nicht nur mit einer penetranten Versicherungsagentin herumschlagen muss, sondern auch mit einer Wahrsagerin, der sein Vater angeblich aus dem Jenseits ein Buch diktiert hat, bekommt es nun auch noch mit der Ermittlerin Bettina Boll zu tun. Diese Polizistin in Teilzeit und alleinerziehende Mutter zweier Kinder kann sich seiner Wirkung nicht entziehen.

Hin-und hergerissen zwischen ihren Gefühlen und ihrer Arbeit ermittelt Bettina Boll mit Intuition und – zeitweise -  großem Scharfblick.  Es hat mir Spaß gemacht, sie dabei zu begleiten. Besonders genossen habe ich eine etwas skurile Szene, in der sie von einer scheinbar allwissenden Buchhändlerin über die Buchverluste in der Spätantike belehrt wird. Ein Satz hat sich mir dabei besonders eingeprägt: “Die Existenz von Trivalliteratur ist ärgerlich, aber ein Zeichen für kulturelle Blüte.” Einfach toll!

Trotz solcher Komik hat dieser Krimi aber auch seine geradezu tragischen Seiten, deren Wurzeln – wie könnte es anders sein? – in der Vergangenheit liegen. Wie auch immer, ich habe dieses Buch geradezu genussvoll verschlungen und empfehle es weiter.

Ach ja, es hat mich irritiert, dass ich keinen Zusammenhang zwischen der Geschichte und dem Titel herstellen konnte. Sollte dies jemandem gelingen, wäre ich für Aufklärung dankbar!

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Gran Torino

19. September 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Als Walt Kowalskis (Clint Eastwood) Frau stirbt, machen sich seine beiden Söhne Sorgen um ihn. In seiner alten Detroiter Nachbarschaft leben inzwischen zahlreiche Asiaten, gegen die Walt als Veteran des Korea-Kriegs tiefe Vorurteile hegt. Hinzukommt, dass Walt lange Jahre für die Firma Ford gearbeitet hat und für den Niedergang der amerikanischen Autoindustrie auch die asiatische Konkurrenz verantwortlich macht. Und um all dem auch noch die Krone aufzusetzen, ist auch noch einer seiner Söhne Händler für eine asiatische Automarke. Symbol für seine sentimentale Anhänglichkeit an die »gute, alte Zeit« ist ein 1972-er Ford Gran Torino, der immer noch so gut wie fabrikneu in Walts Garage steht.

Im Nachbarhaus wohnt eine Miao/Hmong-Familie. Thao, der Sohn der Familie, wird von einem Cousin bedrängt, einer Jugendbande beizutreten. Um sich zu beweisen, soll er den Gran Torino Walts stehlen, aber Walt überrascht den Jungen beim Einbruch in die Garage. Und auch als die Jugendbande Thao dazu zwingen will, an einem ihrer abendlichen Züge teilzunehmen, mischt sich Walt ein und vertreibt die Jugendlichen mit vorgehaltenem Gewehr. Als er dann auch noch Thao Schwester Sue aus einer brenzligen Situation rettet, hat er sich endgültig die Dankbarkeit seiner Nachbarn erworben, gegen die auch seine härtesten Vorurteile nichts mehr ausrichten können. Doch der Konflikt mit der Jugendbande spitzt sich weiter zu …

Clint Eastwood hat unter seiner eigenen Regie noch einmal ein Drama um einen Einzelgänger inszeniert, für den Gewalt die einzige Lösung von Problemen zu sein scheint. Allerdings findet der Film ein überraschendes Ende.

»Gran Torino«. USA, 2008. 1 DVD, Warner Brothers. Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch. Länge: ca. 112 Minuten. Extras: FSK: ab 12 Jahren. Preis: ca. € 14,–.

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“My dear Krauts” von Roger Boyes

13. September 2009, 19:06 Uhr | Autor: Claudia Elsner-Overberg

Roger Boyes ist Deutschland-Korrespondent der Londoner “Times” und hat hier ein witziges Buch verfasst.  Der Untertitel kündigt es an: “Wie ich die Deutschen entdeckte”.

Bevor es überhaupt losgeht, wird es schon lustig:  “Gewidmet dem Finanzamt Berlin-Wilmersdorf”. Roger Boyes erzählt in seinem kurzweiligen Buch von den seltsamen Eigenarten des teutonischen Lebens, die herrlich überzeichnet und grotesk daher kommen.  Als britischer Journalist in Berlin gelandet, hat er durchaus einen Auftrag zu erfüllen: Hitlers Essgewohnheiten sollen eruiert werden und so beginnt die Reise des Helden mitsamt Freund Harry in den Osten Deutschlands.  Unser Engländer hat Liebes- und Geldprobleme en Masse, doch am schlimmsten ist der Stress mit seinem Dad, der angekündigt hat, seinen Sohn in Germany zu besuchen.  Der Vater war Bomberpilot der Royal Air Force und erwähnt amTelefon ebenfalls finanzielle Probeme: Er kann seine Putzfrau nicht mehr bezahlen. Somit wird klar, dass der Sohn den Vater alimentieren muss und unser Engländer verfällt auf die geniale Idee, eine reiche Frau zu ehelichen. Die Leser erleben mit, wie er aus einer Speed-Dating-Sitzung fliegt, weil er mit britischer Ironie drei  Frauen zum Heulen bringt.  Weiterlesen »

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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

12. September 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Meyer Landsman ist ein alternder, etwas heruntergekommener Beamter der Mordkommission von Sitka in Alaska. Er ist geschieden, hat ein Alkoholproblem und steht außerdem unmittelbar davor, seinen Job zu verlieren. Da wird er eines Tages in dem Hotel, in dem er wohnt und das auch schon bessere Tage gesehen hat, vom Portier gebeten, sich einen anderen Gast anzuschauen, der offensichtlich ermordet worden ist. Er nannte sich Emanuel Lasker, schien drogensüchtig und Schachspieler zu sein. Meyer Landsman nimmt zusammen mit seinem Kollegen Berko Shemets die Untersuchung des Falles auf und entdeckt bald, dass der vorgebliche Lasker in Wirklichkeit Mendel Shpilman hieß und der Sohn eines der einflussreichsten Rabbiner von Sitka war.

Spätestens an dieser Stelle muss die Besonderheit dieses Kriminalromans erwähnt werden: Autor Michael Chabon lässt seine Geschichte in einem jüdischen Distrikt in Alaska spielen. Sein Sitka ist seit 60 Jahren von Juden bewohnt und verwaltet worden. Im Gegensatz zu der uns bekannten Weltgeschichte verläuft die in Chabons Roman deutlich anders: Die US-Amerikaner habe während des Zweiten Weltkriegs in bedeutendem Umfang jüdische Flüchtlinge aus Europa aufgenommen und in Alaska angesiedelt. Der Staat Israel dagegen ist bereits 1948 im Krieg gegen die Araber wieder untergegangen.  Sitka ist daher das einzige zusammenhängende jüdische Siedlungsgebiet. Dort lebt eine Gemeinschaft mit eigener Kultur und Sprache, eigenen Sitten und Gesetzen.

Chabon ist mit dieser alternativen Weltgeschichte ein ganz außergewöhnlicher Wurf gelungen, der aus einem eher traditionellen Kriminalroman ein überraschendes Leseabenteuer macht.

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten. dtv 13793 ISBN: 978-3-423-13793-5. Preis: € 9,90. Dieser Titel kann in der Stadtbibliothek Solingen über die Bergisch-Bib entliehen werden.

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