Archiv für November 2009


Portrait eines Planeten

28. November 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Nach dem Tod seiner ersten Frau Lotti im Januar 1983 verfiel Friedrich Dürrenmatt in eine tiefe Depression. Wieder einmal traf er die Entscheidung, nicht mehr für das Theater zu schreiben, ja, er war sich nicht sicher, ob er überhaupt noch weiter schreiben wolle. Dann lernte er im September 1983 bei Maximilian Schell die Schauspielerin und Filmemacherin Charlotte Kerr kennen. Kerr beschreibt diese erste Begegnung, die für beide eine neue Phase der Kreativität einleitete, in ihrem Erinnerungsbuch »Die Frau im roten Mantel« (1992) und betont, dass ihr erster Gedanke gewesen sei, sie brauche sofort eine Kamera, um einen Film über diesen Mann zu beginnen.

Die Beziehung zwischen beiden vertieft sich über die nächsten Monate so rasch, dass sie Anfang Mai 1984 heiraten. Kurz zuvor hat Charlotte Kerr ein großes Filmportrait über Dürrenmatt abgeschlossen, das im Dezember 1984 im SDR zu Ehren des 65-jährigen Schriftstellers zum ersten Mal ausgestrahlt wird. Es handelt sich um insgesamt vier Stunden Filmmaterial, beinahe ausschließlich vom erzählenden Dürrenmatt gefüllt, der durch nur wenige Fragen der Filmemacherin zum Erzählen angeregt wird.

Im Jahr 2006 hat Charlotte Kerr die Dokumentation noch einmal für eine DVD-Veröffentlichung gesichtet und um gut 40 Minuten gekürzt. Entstanden ist so ein vorbildliches Portrait eines der wichtigen deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Es gibt wohl von keinem anderen Schriftsteller eine so umfassende filmische Selbstdarstellung.

Charlotte Kerr: Portrait eines Planeten – Friedrich Dürrenmatt (Neufassung 2006). 2 DVDs, Diogenes Verlag. Sprache: Deutsch. Länge: ca. 194 Minuten. FSK: ab 6 Jahren. ISBN: 978-3-257-95140-0. Preis: € 29,90.

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Geschichte der Juden

21. November 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Von Zeit zu Zeit lohnt es sich auch für erwachsene Leser einmal, einen Blick in ein Jugendbuch zu werfen. Lutz van Dijk (geb. 1955 in Berlin), ehemaliger Sonderschullehrer, hat zahlreiche Sachbücher für Jugendliche geschrieben, darunter auch eine Geschichte des jüdischen Volkes, die im vergangenen Jahr in einer dritten, aktualisierten Auflage erschienen ist. Folgt man dem jüdischen Selbstverständnis, das die Geschichte der Juden mit dem Stammvater Abraham anheben lässt, so hat das jüdische Volk mit seinem Alter von 4.000 Jahren die älteste ununterbrochene Kulturtradition der westlichen Hemisphäre.

Lutz van Dijk folgt dieser Geschichte von diesen babylonischen Anfängen an. Er erzählt die wichtigsten Episoden der historischen Entwicklung nach, wie sie sich im Alten Testament findet, und schließt eine Darstellung der historischen Ereignisse bis in die Gegenwart an. Er konzentriert sich dabei in den verschiedenen Epochen immer wieder auf einzelne Figuren, die er entweder in erfundenen Monologen oder aber auch mit ihren eigenen Schriften zu Wort kommen lässt. So berichtet einerseits etwa Abrahams Sklavin Hagar davon, wie sie die Mutter Ismaels wurde, oder Aaron erzählt, wie es zum Tanz um das goldene Kalb kam. Andererseits kommen zum Beispiel Anne Frank und Hanna Arendt in Zitaten zu Wort.

Der Kenner findet sicherlich das eine oder andere Detail, das er gern ausführlicher oder differenzierter dargestellt haben würde, aber allen Lesern, die eine gut geschriebene und alles im allem zuverlässige Einführung in das Thema suchen, kann dieses Jugendbuch ohne Einschränkung empfohlen werden.

Lutz van Dijk erzählt die Geschichte der Juden. Frankfurt/M.: Campus Vlg., 3. Aufl. 2008. ISBN: 978-3-593-38537-2. Preis: € 19,90. Dieses Buch kann in der Stadtbibliothek Solingen (Bergisch eMedien) auch als eBook ausgeliehen werden.

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Mogadischu

14. November 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Obwohl die Zweite Generation der RAF-Terroristen Anfang September 1977 den Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer entführt hatte, gelang es ihr nicht, ihrem eigentlichen Ziel, der Freipressung der RAF-Gefangenen, näher zu kommen. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt hielt die Terroristen hin in der Hoffnung auf einen Fahndungserfolg und eine Befreiung des Entführten. Die RAF entschloss sich daher, ihre internationalen Beziehungen zu nutzen, um den Druck auf die Bundesregierung zu verstärken.

Daher entführten am 13. Oktober 1977 vier Palästinenser – zwei Männer und zwei Frauen – die Lufthansa-Maschine »Landshut«, die sich auf dem Weg von Palma de Mallorca nach Frankfurt befand. Die Forderung der Entführer lautete ebenfalls auf Freilassung der RAF-Inhaftierten. An Bord der Maschine befanden sich außer den Terroristen 82 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder.

Die Entführung entwickelte sich zu einer fünftägigen Odyssee, die die Entführten mehr als einmal an den Rand des Todes brachte. Wie bekannt konnte schließlich eine Einsatzgruppe der GSG-9 auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu alle Geiseln befreien. Einziges Opfer der Terroristen blieb der Pilot der Maschine Jürgen Schumann, der nach der Zwischenlandung in Aden erschossen worden war.

Regisseur Roland S. Richter hat 2008 im Auftrag der ARD diese Geschichte zu einem packenden Spielfilm verarbeitet. Ohne jegliche Effekthascherei dokumentiert er minutiös die fünf Tage der Entführung sowohl in der Maschine selbst als auch in Bonn bei der Bundesregierung. Ein Doku-Drama im besten Sinne!

»Mogadischu«. Deutschland, 2008. 1 DVD, Warner Brothers. Sprache: Deutsch. Länge: ca. 108 Minuten. Extras: Making-of. FSK: ab 12 Jahren. Preis: ca. € 8,–.

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Literarischer Führer Deutschland

7. November 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Im vergangenen Jahr ist im Inselverlag wohl zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg ein ganz Deutschland umfassender literarischer Führer erschienen. Fred Oberhauser und Axel Kahrs haben, unterstützt von nur wenigen Mitarbeitern, auf 1469 Seiten die literarisch relevanten Orte Deutschlands aufgearbeitet und in aller Kürze dargestellt. Von selbst verstehen sich dabei natürlich Orte wie Berlin, Weimar, München oder Lübeck, die entweder als Kulturzentrum deutschlandweite Bedeutung haben oder als Geburts- oder Lebensort bedeutender Autoren erwähnenswert sind.

Aber auch Solingen findet seinen Platz unter der literarischen Stätten. Gewürdigt werden zum Beispiel der 1828 hier geborene Friedrich Albert Lange, dessen »Geschichte des Materialismus« (1866) auch heute noch relevant ist, oder der Fabrikant Mundartdichter Peter Witte (1876–1949), dessen Denkmal heute noch auf dem Alten Markt zu finden ist. Selbst der nicht mehr oft erwähnte konservative Kunsthistoriker und politische Schriftsteller Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925) wird gewürdigt.

Der Aufenthalt Johann Heinrich Jung-Stillings (1740–1817) im Jahr 1762 als Geselle beim Schneidermeister Nagel – er spielte sonntags in der Kirche die Orgel und war so beliebt, dass er mehr Meister als Geselle im Haus war – wird genauso genannt wie die langjährige Tätigkeit Otto Gmelins (1886–1940) als Studienrat in Solingen-Wald.

Sicherlich wird der Lokalhistoriker immer das eine und andere zu ergänzen finden, aber insgesamt ist das Buch eine nahezu unerschöpfliche Fundgrube für alle reiselustigen Leserinnen und Leser.

Fred Oberhauser u. Axel Kahrs: Literarische Führer Deutschland. Frankfurt/M: Insel Verlag, 2008. ISBN: 978-3-458-17415-8. Preis: € 48,00.

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