27. Februar 2010, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Unsere Zivilisation verändert sich mit rasender Geschwindigkeit. Ständig kommen neue Gegenstände in die Welt und auf uns zu, von deren Existenz wir gestern noch nicht nötig hatten zu träumen. Touchscreens, mp3-Player, elektronische Bücher, iPhones, die elektrische Nassrasur und Zahnbürsten mit Bluetooth-Bildschirm. Kurt Tucholsky bemerkte schon 1932, als er das ganze Ausmaß der Entwicklung noch nicht einmal erahnen konnte, völlig richtig: »Man sollte gar nicht glauben, wie gut man auch ohne die Erfindungen des Jahres 2500 auskommen kann!«
Was wir aber über der Flut der Neuerungen leicht vergessen, sind jene Dinge, die verdrängt werden, die Platz machen müssen für die Neuerungen sowohl in unseren Köpfen als auch in den Schränken. Volker Wieprecht und Robert Skuppin, zwei erfolgreiche Radiomoderatoren, haben sich jener verschwindenden Dinge angenommen und ein nostalgisches, leicht sentimentales, aber immer witziges »Lexikon der verschwundenen Dinge« zusammengestellt. Sie gedenken darin solcher Dinge wie dem VW Käfer, dem 2CV und dem R4, der Musik-Cassette und der Hi-Fi-Anlage, dem Telegramm oder dem Paternoster. Aber sie beschäftigen sich nicht nur der Technik: Auch die Missionarsstellung, Lebertran oder gar die »höchste Aufmerksamkeit« sind ihnen Einträge wert. Dass sie sich selbst und ihr Lexikon dabei nicht so sehr ernst nehmen, machen spätestens die Artikel zu Margot Honecker, Haaren – hier können zumindest zahlreiche Männer deren langsames Verschwinden bedauernd bestätigen – oder der »absoluten Mehrheit« klar.
Ein amüsantes Büchlein zum Stöbern, Schmökern und Erinnern.
Volker Wieprecht u. Robert Skuppin: Das Lexikon der verschwundenen Dinge. Berlin: Rwohlt Berlin, 2009. ISBN: 978-3-87134-639-2. Preis: € 17,90.

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20. Februar 2010, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Das Leben von Lady Georgiana, Herzogin von Devonshire (1757–1806) wartet eigentlich seit Langem auf seine Verfilmung. Aber erst die Biografie von Amanda Foreman (seit 2003 auch auf Deutsch) hat die Grundlage für ein Drehbuch geliefert. Der Film beginnt mit dem Abschluss des Ehevertrages zwischen dem 5. Herzog von Devonshire (Ralph Fiennes) und den Eltern Georgianas. Die Hochzeit mit dem achteinhalb Jahre älteren Herzog findet am Vorabend von Georgianas (Keira Knightley) 17. Geburtstag statt. Der Herzog erwartet von seiner Gattin in der Hauptsache eines: die baldige Lieferung eines männlichen Erbfolgers; ansonsten ist er nur mäßig an der hübschen und intelligenten jungen Frau interessiert.
Leider erweist sich die Natur vorerst als nicht kooperativ: Bei den beiden ersten Kindern des Ehepaars handelt es sich um Mädchen, was das ohnehin kühle Verhältnis zwischen den Eheleuten weiter belastet. Der Herzog sucht Trost in zahlreichen Affären, während Georgiana ein Star ihrer Zeit wird: Sie ist ein umschwärmter Gast aller Bälle, ihre Kleider sind Vorbild der Mode von morgen, sie mischt in der Politik ihrer Zeit mit und ihr Haus ist einer der wichtigsten Treffpunkte der besseren Gesellschaft. Die Krise der Ehe spitzt sich zu, als beide Eheleute ernsthafte Liebesbeziehungen beginnen …
Der junge Regisseur Saul Dibb hat der Versuchung widerstanden, aus dem Stoff eine gefühlstriefende Romanze zu machen. Stattdessen liefert er ein präzises und differenziertes Geschichtsstück ab, in dem auf eine Dämonisierung der handelnden Personen glücklich verzichtet wird. Unbedingt sehenswert!
»Die Herzogin«. USA, 2008. 1 DVD, Kinowelt. Sprachen: Deutsch, Englisch. Länge: ca. 106 Minuten. Extras: Making-of, entfallene Szenen u.a. FSK: ab 12 Jahren. Preis: ca. € 10,–.
Schlagwörter: 18. Jahrhundert, Ehe, England, Liebe.

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13. Februar 2010, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Roberto Bolaño, geboren 1953 in Chile als Sohn eines LKW-Fahrers, gestorben 2003 im spanischen Exil an Leberversagen, gilt als einer der wichtigsten südamerikanischen Erzähler der Generation nach Julio Cortázar, Garcia Márques und Vargas Llosas. An seinem nachgelassenen Roman mit dem mysteriösen Titel »2666« hat er die letzten fünf Jahre vor seinem Tod gearbeitet. Er wollte, dass die fünf Teile des Romans als getrennte Publikationen erscheinen, da er auf diese Weise hoffte, seine Frau und die beiden gemeinsamen Kinder besser versorgen zu können. Aber die Angehörigen und der Verleger haben sich dennoch entschlossen, die fünf Teile in einem Band drucken zu lassen. Die Übersetzung ins Englische war 2008 in den USA ein großer Erfolg bei Lesern und Kritikern, und auch die deutsche Fassung stand im vergangenen Jahr auf den Bestsellerlisten.
Erzählt werden in den fünf Teilen fünf verschiedene Geschichten, die alle mehr oder weniger direkt mit der fiktiven nordmexikanischen Stadt Santa Teresa zu tun haben. Dort finden ganze Reihen von Frauenmorden statt, die der vierte Teil des Romans ausführlich dokumentiert und die die örtliche Polizei vergeblich aufzuklären versucht. Aber es wird zum Beispiel auch die Geschichte eines US-amerikanischen Journalisten erzählt, der – in Vertretung für einen verstorbenen Kollegen – aus Santa Teresa über einen Boxkampf berichten soll. Oder die der vier Literaturwissenschaftler, die es bei ihrer Suche nach dem geheimnisumwitterten Autor Benno von Archimboldi nach Santa Teresa verschlägt.
Mit knapp 1.100 Seiten ein echtes Leseabenteuer zum Schmökern.
Roberto Bolaño: 2666. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. München: Carl Hanser, 2009. ISBN: 978-3-446-23396-6. Preis: € 29,90.
Schlagwörter: Mexiko, Südamerikanische Literatur.

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6. Februar 2010, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Sibylle Berg (geb. 1962 in Weimar) ist derzeit wahrscheinlich die einzige erfolgreiche, wirklich misanthropische Autorin in deutscher Sprache. Ihr erstes Buch erschien 1997 unter dem hübschen Titel »Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot«. Es erzählt in einer erstaunlich unbarmherzigen und schlanken Prosa vom Leben einer Gruppe junger Leute. Schon in diesem ersten Text war ein ganz eigener Ton zu vernehmen, der Sibylle Berg sofort aus dem Gros der sogenannten jungen Autoren heraushob. Sie publiziert seitdem mit schöner Regelmäßigkeit, neben Romanen und Erzählungen inzwischen auch Theaterstücke, und hat außerdem zwei umfangreiche Bände mit Abschiedsbriefen herausgegeben, einen mit Frauen, einen zweiten mit Männern als Verfasser/innen. Viele Leser werden ihre Texte auch aus der »Zeit« oder der »NZZ« kennen.
Ihr jüngster Roman erschien im letzten Jahr und wurde für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert. Erzählt wird die Geschichte einer Frau in mittleren Jahren, die nach langen Jahren des Menschenhasses endlich einen Mann findet, mit dem sie zusammenleben kann. Nachdem die beiden vier Jahre zusammen sind, unternehmen sie ihre zweite gemeinsame Urlaubsreise nach Hongkong, genauer auf eine kleine Insel vor Hongkong. Dort verschwindet der Mann eines Tages spurlos … Erzählt wird die Geschichte in abwechselnden Kapiteln, die zum einen von den vier Jahre des Zusammenlebens, zum anderen von der Zeit nach dem Verschwinden des Mannes berichten. Beide Erzählstränge vereinigen sich auf den letzten Seiten des Buches.
Ein außergewöhnliches, provokantes und spannendes Buch.
Sibylle Berg: Der Mann schläft. München: Carl Hanser, 2009. ISBN: 978-3-446-23388-1. Preis: € 19,90.

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