Archiv für Mai 2010


Balzac

29. Mai 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Honoré de Balzac (1799–1850), Schöpfer des riesigen Erzählzyklus der »Menschlichen Komödie«, hat ein unglaublich spannendes und bewegtes Leben geführt. Stets musste er sich mit seinen wachsenden Schulden und seinen Gläubigern herumschlagen, was ihn allerdings nicht davon abhielt, seinen luxuriösen Lebensstil fortzuführen, ja den Luxus entgegen besserer Einsicht noch weiter zu steigern. Rettung erhoffte sich Balzac immer erneut durch irgendwelche wundersamen Geschäftsgewinne – alle Versuche in dieser Richtung endeten bereits nach kurzer Zeit im nächsten finanziellen Desaster – oder durch eine vorteilhafte reiche Heirat, die ihn auf einen Schlag von allen Sorgen befreien sollte. Mehr der Not als der Neigung gehorchend sah er sich gezwungen, sich auf sein einziges wirkliches Talent, das Schreiben, zu stützen, um wenigstens den dringendsten Luxus finanzieren zu können. Besonders von strohgelben Glacéhandschuhen musste Balzac jederzeit ein oder zwei Dutzend Paar zur Verfügung haben, um sich wohl zu fühlen.

Johannes Willms Biographie Balzacs nimmt sich über Strecken wie eine Sammlung von Klatsch und Tratsch aus. Doch wie schon für seinen »Napoleon« wertete Willms umfangreich Briefzeugnisse aus, um ein möglichst genaues und persönliches Bild zu zeichnen. Dabei weicht er den unvorteilhaften Zügen Balzacs nicht aus: nicht dem schwierigen Verhältnis zur Mutter, nicht seiner rücksichtslosen Ausnutzung anderer Menschen, nicht seiner Verlogenheit sich und anderen gegenüber, nicht seiner Neigung, die Verantwortung für seine Misere auf andere zu schieben. Eine interessante und exzellent geschriebene Biografie.

Johannes Willms: Balzac. Zürich: Diogenes, 2007. ISBN: 978-3-257-06624-1. Preis: € 24,90. Dieser Titel kann in der Stadtbibliothek Solingen über die Bergisch-Bib entliehen werden.

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Irre! Wir behandeln die Falschen – Unser Problem sind die Normalen

25. Mai 2010, 13:07 Uhr | Autor: Claudia Elsner-Overberg

Dieses kurzweilige, erzählende Sachbuch kann man in einem Rutsch an einem Wochenende durchlesen. Es ist unterhaltsam und als “heitere Seelenkunde” durchaus geeignet, Grundlegendes über Depressionen, Schizophrenie, Sucht, Demenz und andere Psycho-Erkrankungen zu lernen. Auch die Psychoanalyse findet ihren Platz: Der Bestsellerautor Mandred Lütz ist selbst sowohl Psychiater als auch Kabarettist, so dass der Titel “Irre!” trifft.

Sollten die Leser am Ende vielleicht die eine oder andere Psycho-Macke an sich entdecken, haben sie richtig Glück: Der Autor mag die “Normalos” nicht wirklich.  Sie sind doch vergleichsweise langweilig und bieder, sind wohlgeordnet und absolut nicht außergewöhnlich. Die rührenden Demenzkranken, dünnhäutigen Süchtigen oder mitreißenden Maniker sind doch viel spannender! Manfred Lütz nimmt die Leser auf eine Reise ins Land der Verrückten mit – und das macht richtig Spaß!

Ein bisschen  Wahnsinn im Leben  ist daher die  Zutat, um ein außergewöhnliches Leben zu führen zu können. Viele Menschen, die psychische Erkrankungen hatten, möchten diese Erfahrung nicht missen. Das Buch macht Mut und liefert die Zuversicht, dass fast alles überwunden werden kann.

Der Autor schreibt mit  viel Sympathie für die psychisch Kranken. Das Lachen auch eine Medizin sein kann, ist nicht neu, wird hier aber neu bewiesen.

“Irre! Wir behandeln die Falschen – Unser Problem sind die Normalen” Eine heitere Seelenkunde / Manfred Lütz. – München,  2009. – 189 S.

ISBN 978-3 579-06879-4

Standort Stadtbibliothek: 7 Krankheit Psyche Lütz

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Menschenrauch

22. Mai 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Der US-amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker (geb. 1957) legt mit seinem Buch »Menschenrausch« eine beeindruckende Sammlung historischer Quellen vor, die im Wesentlichen den Zeitraum vom Ende des ersten Weltkriegs bis zum Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 umfassen. Dokumentiert werden sowohl die Bestrebungen der Kriegstreiber als auch die vergeblichen Bemühungen der Kriegsgegner, den nächsten Krieg zu verhindern bzw. so rasch wie möglich zu beenden. Neben staatlichen und politischen Verlautbarungen werden nahezu gleichrangig Tagebücher und private Aufzeichnungen von Opfern dokumentiert. Einen breiten Raum nehmen auch Zitate aus Tageszeitungen ein.

Diese Fleißarbeit Bakers erzeugt ein Mosaik der Entwicklung vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg hin und der ersten Kriegsjahre. Für Leser, die sich in dieser Zeit auskennen, bereichert die Lektüre des Buches ihren Blick auf überraschende Weise.

Natürlich stößt Bakers Ansatz, die Quellen beinahe unkommentiert sprechen zu lassen, auch an Grenzen: Gerade als Deutscher hegt man Zweifel, ob sich etwa von den Verbrechen an den Juden ein historisch korrekter Eindruck ergibt, wenn pseudorationale Argumente von Antisemiten oder Nationalsozialisten scheinbar gleichrangig neben Klagen von Juden oder jüdischen Hilfsorganisationen stehen. Da die Quellen zudem im Dezember 1941 enden, bleibt die entsetzlichste Phase des Holocaust nach der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 komplett ausgeblendet. Trotz dieser Einschränkungen ist Bakers Buch eine durchweg empfehlenswerte Lektüre.

Nicholson Baker: Menschenrauch. Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete. Deutsch von Sabine Hedinger und Christiane Bergfeld. Reinbek: Rowohlt, 2009. ISBN: 978-3-498-00661-7. Preis: € 24,90.

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Hand aufs Herz – Anthony McCarten

18. Mai 2010, 14:12 Uhr | Autor: Anna-Lena Sprenger

Tom Shrift und Jess Podorowski sind zwei völlig unterschiedliche Menschen. Er arrogant, immer siegessicher und optimistisch, hat bei allem Recht und macht alles richtig. Trotz des großem Selbstvetrauens ist er arbeitlos und steckt tief in Schulden.

Sie ist Witwe, hat ein behindertes Kind und sieht darin ihren einzigen Lebensinhalt. Jess arbeitet als Politesse, ein verhasster Beruf, und lebt am Existenzlimit in einer winizigen Wohnung mit ihrer Tochter. Sie ist traurig und verzweifelt, von Selbstvertrauen keine Spur. Durch den falsch geparkten Pkw von Tom, begegnen sich die beiden auf unangenehme Weise und Jess muss üble Beschimpfungen (wie so oft) über sich ergehen lassen. Einen Tag später sehen sich die beiden an einem Wettbewerb wieder, für den sie sich beworben haben.

Dieser Wettbewerb wird von dem Autohaus Besitzers Hatch, der kurz davor steht Insolvenz anzumelden, veranstaltet. Damit möchte er neue Kunden anlocken, aber auch seinen Traum aus Kindertagen erfüllen: einen Eintrag in das Guinnesbuch der Weltrekorde. Bei diesem Wettberwerb müssen alle Teilnehmer eine Hand an ein Auto legen. Wer zuletzt die Hand am Fahrzeug behält, gewinnt es. Schlafen ist verboten. Alle zwei Stunden gibt es eine Toilettenpause von fünf Minuten. Der Wettbewerb beginnt mit 40 Teilnehmern: gescheiterte Existenzen, Menschen die sich aus dem Alltag flüchten oder sich langweilen und eine Herausforderung suchen oder diejenigen wie Tom und Jess, die dieses Auto unbedingt benötigen. Tom möchte es verkaufen und so seine Schulden begleichen und Jess braucht es, um ihrer Tochter einen Schulbesuch an einer Behindertenschule zu ermöglichen.

In den Tagen, an denen die Teilnehmer zusammen mit einer Hand am Auto stehen, lernen sie sich besser kennen. Man erfährt die Lebensgeschichte der einzelnen Menschen und ihrer Beweggründe an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Besonders interesant ist der Zusammentreff der zwei völlig unterschiedlichen Charaktere von Tom und Jess, der nicht nur nette Gespräche sondern auch viel Streit hervoruft.

Später heißt es nicht mehr Hand aufs Auto, sondern Hand aufs Herz.

Der Roman hat mir sehr gut gefallen. Ich konnte mir erst nicht vorstellen, dass eine Geschichte, die sich nur an einem Ort abspielt wirklich spannend sein kann. Jedoch ist das Buch nicht nur interessant, sondern auch etwas tiefgründiger und beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, was Glück und Zufriedenheit bedeuten.

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State of Play

15. Mai 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Cal McAffrey (Russell Crowe) ist Journalist der alten Schule und lebt und arbeitet in Washington. Bei seiner Recherche zum Tod eines Drogenabhängigen, der von einem Profikiller ermordet wurde, stößt er überraschend auf eine Verbindung zu einer jungen Frau, die sich umgebracht zu haben scheint. Diese junge Frau war Mitarbeiterin des Politikers Stephen Collins (Ben Affleck), mit dem Cal seit College-Tagen befreundet ist. Collins spielt eine zentrale Rolle in einem Untersuchungsausschuss, der sich mit den Praktiken einer großen, privaten Sicherheitsfirma befasst. Offenbar hatte Collins eine intime Beziehung mit seiner gerade verstorbenen Mitarbeiterin.

Cal gerät in seiner Redaktion unter Druck, seine enge Beziehung zu Collins zu nutzen, um Informationen zum Tod der Assistentin zu liefern. Ihm wird von seiner Chefin (Helen Mirren), die dringend Erfolge braucht, die junge Online-Redakteurin Della Frye (Rachel McAdams) als Kollegin aufgenötigt, um rasch eine sensationelle Story produzieren zu können. Als der Zufall Cal Bilder in die Hand spielt, die beweisen, dass Collins Geliebte über längere Zeit beobachtet worden ist, verdichtet sich der Verdacht, dass sie ermordet wurde. Von diesem Moment an nehmen die Recherchen mehr als eine unvorhergesehene Wendung.

Regisseur Kevin Macdonald (»Der letzte König von Schottland«) hat eine Mini-Serie der BBC zu einem zweistündigen, kompakten Kinofilm umgeschmiedet. Der Film ist aufgrund seiner thematischen Vielfalt und der differenziert gezeichnet Charaktere unbedingt sehenswert.

»State of play«. USA, GB, Frankreich 2009. 1 DVD, Universal. Sprachen: Deutsch, Englisch, Türkisch. Länge: ca. 122 Minuten. Extras: Making-of, zusätzliche Szenen. FSK: ab 12 Jahren. Preis: ca. € 10,–.

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