Archiv für Juni 2010


Geschichten vom Herrn Keuner

26. Juni 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Im November 1947 kehrte Bertolt Brecht fluchtartig aus den USA nach Europa zurück, nachdem er am 30. Oktober vom »Komitee für unamerikanische Umtriebe« verhört worden war. Brecht konnte nur in die Schweiz gehen, da dies das einzige europäische Land war, das dem Staatenlosen den Aufenthalt gestattete. So reiste er über Paris nach Zürich, wo er unmittelbar nach seiner Ankunft Kontakte zum Schauspielhaus knüpfte und sich über Arbeitsmöglichkeiten informierte. Natürlich bemüht er sich vor dort aus auch darum, wieder nach Deutschland zurückkehren zu können, aber diese Aussichten entwickelten sich etwas langsamer. Dennoch erschien schon im Januar 1949 in Berlin Brechts erste Nachkriegsveröffentlichung: »Kalendergeschichten« im Verlag Gebrüder Weiß, der seinen Sitz im Stadtteil Schöneberg hatte. Der Band enthält eine Mischung von Gedichten und Prosa, darunter auch die ersten 39 Keuner-Geschichten.

Seitdem gehören die »Geschichten vom Herrn Keuner« sicherlich zu Brechts bekanntesten und beliebtesten Prosatexten überhaupt. Ihre kurzen, prägnanten Fabeln, die überraschenden, oft dialektischen Pointen, denen man es nicht übel nimmt, dass sie einen offensichtlich zum Nachdenken zwingen wollen, machen ihren Reiz aus:

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: »Sie haben sich gar nicht verändert.« »Oh!« sagte Herr K. und erbleichte.

Die Stadtbibliothek Solingen hat neben den »Kalendergeschichten« auch eine CD mit einer Lesung der »Geschichten vom Herrn Keuner« durch Manfred Krug im Bestand.

Bert Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2006. ISBN: 978-3-518-36516-8. Preis: € 6,00.

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Die Kinder der Finsternis

19. Juni 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Wolf von Niebelschütz (1913–1960) ist ein Dauergeheimtipp der deutschen Nachkriegsliteratur. Er hat niemals den Durchbruch zu wirklicher Prominenz geschafft, doch seine beiden großen Romane »Der blaue Kammerherr« (1949) und »Die Kinder der Finsternis« (1959) sind seit ihrem Erscheinen mit kleineren Unterbrechungen eigentlich immer im Druck gewesen. Gerade hat nun der Züricher Verlag Kein & Aber die beiden umfangreichen Bücher wieder vorgelegt.

Niebelschütz, der Geschichte und Kunstgeschichte studiert hatte, konnte schon vor dem Zweiten Weltkrieg einige seiner Gedichte in der »Neuen Rundschau« veröffentlichen, wurde dann aber 1940 zur Wehrmacht eingezogen. Auf einem Wehrmachtsschreibtisch im besetzten Paris schrieb er große Teile seines ersten Romans, der kurz nach dem Krieg im jungen Suhrkamp Verlag erscheint.

Erst zehn Jahre später folgt dann »Die Kinder der Finsternis«, ein fantastisch-historischer Roman, der im Hochmittelalter spielt. Als Schauplatz erfindet Niebelschütz zwischen die Provence und das von den Mauren besetzte Spanien das kleine Reich Kelgurien hinein, in dem Barral, der Held des Buches und Bastardsohn eines Barons, durch glückliche Umstände zur Herrschaft gelangt. Und er wird ein außergewöhnlicher Herrscher, der versucht, sein kleines Land soweit es geht aus den Unwägbarkeiten der großen Politik herauszuhalten. Zudem schließt er Freundschaft über die Landes- und Glaubensgrenzen hinaus mit den muslimischen Nachbarn, die sich als wissenschaftlich und kulturell hoch überlegen erweisen.

Ein überaus kluges und an historischen Details reiches Buch.

Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis. Zürich: Kein & Aber, 2010. ISBN: 978-3-0369-5559-9. Preis: € 24,90. Dieser Titel kann in der Stadtbibliothek Solingen über die Bergisch-Bib entliehen werden.

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Die Lady im Lieferwagen

16. Juni 2010, 22:01 Uhr | Autor: Claudia Elsner-Overberg

Alan Bennett begegnete mir erstmalig mit dem königlichen Roman über “Die souveräne Leserin”. Ich beschloss, Fan von Bennett zu werden und lese mich nun so langsam durch sein Werk. “The Lady in the Van” erschien bereits im Jahr 1990 als Erzählung, in der vorliegenden Wagenbach-Ausgabe sind drei weitere, kurze Erzählungen zur Anreicherung mit angefügt.

Miss Shepherd, eine skurrile ältere Dame,  taucht eines Tages mit ihrem Lieferwagen auf Bennetts Straße auf. Sie nötigt ihn, die alte Karre anzuschieben und so nimmt die Bekanntschaft ihren Lauf. Basierend auf Bennets Tagebucheinträgen, können wir nun verfolgen, wie sich die seltsame Nachbarschaft, die im Jahr 1969 ihren Beginn fand, weiterentwickelt. Miss Shepherd schafft es nämlich, sich einen Dauerparkplatz in der Einfahrt zum Vorgarten des Autors zu erobern.

Miss Shepherd ist eine schrille Alte, Katholikin eigener Art und sehr kreativ gekleidet. Röcke aus Putzlappen an Staubtüchern findet sie zum Beispiel wunderbar. Die Lady ist starrköpfig und geht den Nachbarn kräftig auf die Nerven, was ihr aber nichts ausmacht. Sie hat eine echte Macke, wir würden von einer “Messie” reden, denn sie sammelt alles und stopft es wahllos über- und untereinander in ihre fahruntüchtigen Lieferwagen, die alle paar Jahre verschrottet werden müssen und durch neue Schrottmodelle ersetzt werden.

Über 20 Jahre stehen Miss Shepherd und ihre wechselnden Vans im Vorgarten von Alan Bennett. Ihr Lieblingswort heißt “womöglich” und als sie am Ende frisch gewaschen stirbt, war es mir, als hätte ich ich  eine liebe Bekannte verloren. Am Ende wird ihr tragisches Schicksal aufgedeckt: Als junge Frau war Miss Shepherd, die gar nicht so hieß, eine talentierte Pianistin. Handfest war sie auch: Im Krieg fuhr sie einen Rettungswagen.

Alan Bennett hat hier eine liebevolle Geschichte mit Witz und Humor verfasst. Sie kann uns helfen, alte und verwirrte Menschen mit Gelassenheit, Lebensfreude und Sympathie zu betrachten.

Alan Bennett: Die Lady im Lieferwagen / aus dem Engl.  von Ingo Herzke. -  Berlin: Wagenbach 2009. – 89 Seiten.  ISBN 978-3-8031-2621-4

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Der große Bluff

12. Juni 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Der amerikanische Flieger, Erfinder, Filmemacher und Milliardär Howard Hughes (1905–1976) war eine der skurrilsten Figuren des 20. Jahrhunderts. Als 20-Jähriger trat er eine Erbschaft von über 500.000 $ an und riskierte dieses Geld, indem er als Produzent und Regisseur in Hollywood mit »Hells’s Angels« (1930) den bis dahin teuersten Film produzierte. Er hatte damit entgegen allen Voraussagen einen riesigen Erfolg. Auch später zeichnete sich Hughes durch eine hohe Risikobereitschaft bei seinen Geschäften aus. Allerdings zeigten sich auch schon früh Symptome einer psychischen Erkrankung, die dazu führte, dass sich Hughes ab dem Ende der 50er Jahre praktisch komplett aus der Öffentlichkeit zurückzog.

Hughes’ Welt- und Menschenscheu versuchte Anfang der 70er Jahre der mäßig erfolgreiche amerikanische Schriftsteller Clifford Irving für sich auszunutzen: Er bot seinem Verlag die exklusive und angeblich autorisierte Autobiographie von Howard Hughes an, die er allerdings zusammen mit seinem Kollegen Richard Suskind aus Archiv-Material zusammengeschrieben hatte. Er kassierte große Vorschüsse und überzeugte den Verlag trotz ausdrücklicher Proteste von Seiten Howard Hughes’ von der Echtheit der Autobiographie. Erst nachdem das Buch bereits gedruckt war, flog der Betrug auf. Irving wurde am Ende zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Regisseur Lasse Halström (»Gottes Werk & Teufels Beitrag«, »Schiffsmeldungen«) hat aus diesem Stoff mit einer überraschenden Besetzung (Richard Gere und Alfred Molina in den Hauptrollen) eine flotte und witzige Betrugskomödie geschaffen.

»Der große Bluff«. USA, 2006. 1 DVD, Ascot Elite. Sprachen: Deutsch, Englisch. Länge: ca. 116 Minuten. Extras: Interviews, Featurette. FSK: ab 12 Jahren. Preis: ca. € 9,–.

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Das dritte Tagebuch

5. Juni 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Als der Schweizer Architekt und Autor Max Frisch (1911–1991) im Jahr 1950 sein erstes Buch bei einem bundesdeutschen Verlag veröffentlichte, erzielte er damit sogleich einen Achtungserfolg bei den deutschen Kritikern, obwohl das Buch den Erwartungen, die sein Titel »Tagebuch 1946–1949« weckte, kaum entsprach. Denn statt eines Tagebuchs im herkömmlichen Sinne fanden die Leser eine durchkomponierte Sammlung von Texten vor, die immer wieder um eine kleine Anzahl von Themen kreisten: z. B. rassistische Vorurteile, Liebe und Eifersucht, Nachkriegs-Deutschland und auch die Schweiz. Eingestreut fanden sich kürzere Erzählungen, die später als Grundlage für Theaterstücke Frischs dienen sollten.

Anfang der 70er-Jahre folgte das »Tagebuch 1966–1971«, das einerseits sehr viel offener politisch war, andererseits noch freier mit Textformen experimentierte. So enthielt das zweite Tagebuch unter anderem jene berühmten Fragebögen, mit denen Frisch seine Leser dazu bringen wollte, sich über ihre eigenen Positionen und Meinungen Rechenschaft zu geben.

Dieses Jahr ist nun aus dem Nachlass Max Frischs ein Fragment eines dritten Tagebuchs erschienen. Die Texte sind in den Jahren 1982 und 1983 entstanden und füllen knapp 200 großzügig gesetzte Seiten. Auch diesmal wieder gibt es eine Anzahl von Themen, die die Texte aus immer wechselnder Perspektive umkreisen: Max Frisch und die Frauen, Tod und Sterben, Wohnorte und Reisen und nicht zuletzt der Blick eines Europäers auf die USA und ihre Politik.

Für Freunde der Prosa Max Frischs ein Muss, für alle anderen eine anregende Lektüre zum Blättern und Entdecken.

Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Berlin: Suhrkamp, 2010. ISBN: 978-3-518-42130-7. Preis: € 17,80. Dieser Titel kann in der Stadtbibliothek Solingen über die Bergisch-Bib entliehen werden.

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