27. September 2010, 17:52 Uhr
| Autor:
Claudia Elsner-Overberg
Elfi hatte heimlich Gedichte geschrieben. Unter den Nazis im Dritten Reich ist das aber verboten und so wird sie denunziert, verhaftet und in ein nationalsozialistisches Arbeitslager transportiert. Dort wird sie mit anderen Frauen für ein sogenanntes Sonderkommando selektiert: Alle wissen, dass Sonderkommandos etwas besonders Schlimmes bedeuten. Seltsamerweise bekommen aber alle Frauen des Sonderkommandos erstmal ordentliche Kleidung, sie dürfen sich waschen und das Essen ist weit besser, als in den Lagerbaracken. Doch dann werden die Frauen mit dem Zug weitertransportiert: Niemand weiß, was los, alle Frauen haben Todesangst. Sie landen in einem Lager-Bordell, müssen Zwangsarbeiter und Capos sexuell bedienen. Ständig vom Tod umgeben, kämpfen sie ums Überleben. Elfis beste Freundin im Lager hält es nicht mehr aus: Sie verweigert das Essen und bringt sich damit um.
Nach der Befreiung des Lagers kehrt Elfi zu ihrem Mann Benno zurück. Doch die Rückkehr in ein normales Leben scheint nach ihren traumatischen Erlebnissen unmöglich. Sie kann über die schrecklichen Dinge, die sie erleben musste, nicht sprechen. Kann sie den Kampf um ihre Liebe und gegen ihre Erinnerungen gewinnen? Wie soll sie ihrem Mann sagen, dass man sie als Prostituierte im KZ zwangssterilisiert hat? Er will doch so gerne Kinder mit ihr haben!
Das Schicksal von Elfi bietet die Möglichkeit, das Thema Zwangsprostitution als eine schreckliche Facette der deutschen Geschichte unmittelbar zu erfahren. Die Fakten sind wahr, die fiktive Romanform macht das Verstehen leichter. Ein eindringlicher Roman, der auch für Jugendliche ab der 10. Klasse geeignet ist.
Sandy Green, geboren im April 1969 in Mannheim, aufgewachsen im Weschnitztal, lebt inzwischen als freie Autorin in Solingen. Sie schreibt Gedichte, Erzählungen, Märchen und Romane, ist journalistisch tätig und leitet Schreib-Seminare und -Workshops. Einige ihrer Texte wurden mit Literaturpreisen ausgezeichnet.
Sandy Green: Zaunkönigin : Roman. – Aachen: Shaker Media, 2010. 202 Seiten. – ISBN 978-36858-553-7
Schlagwörter: Bordell. Konzentrationslager, LagerBordell, Nationalsozialismus, Prostitution, Zwangsprostitution.

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25. September 2010, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Als der Philosoph Arthur Schopenhauer am 21. September vor 150 Jahren starb, hinterließ er eine bedeutende Menge von Notizen. Die frühesten stammen bereits aus dem Jahr 1804, als Schopenhauer gerade einmal 16 Jahre alt war und noch einer Kaufmannslehre in Danzig nachging. Darunter fand sich auch eine weitgehend ausgearbeitete Schrift über die Kunst des Streitens, genauer: über die Kunst, Recht zu behalten. Schopenhauer nannte dieses kleine Lehrbuch, das 38 argumentative Kniffe aufführt, »Eristische Dialektik« – eristisch nach der altgriechischen Göttin der Zwietracht, Eris, und Dialektik als Bezeichnung für die Kunst des Argumentierens.
Die Grundidee des Büchleins ist es, jene rhetorischen Tricks zu lehren, mit denen gute Redner in der Lage zu sein scheinen, immer im Recht zu bleiben, so sehr ihnen ihr Gegenüber auch zusetzt. Schopenhauer nennt zwei Gründe, warum jeder, der diskutiert, diese Kniffe kennen sollte: Zum einen, um ihre Anwendung gegen einen selbst zu erkennen und den Kniff entlarven zu können. Zum anderen aber auch, damit man selbst seinen Standpunkt nicht vorschnell aufgeben muss, bloß weil einem im Augenblick nicht das richtige Argument einfällt. Man kann also versuchen, auch gegen die scheinbar stärkeren Argumente vorerst Recht zu behalten, in der Hoffnung, dass einem das bessere Argument später doch noch einfallen wird.
Dass dieser letzte Grund moralisch etwas fragwürdig ist, hat Schopenhauer vielleicht davon abgehalten, das Büchlein zu veröffentlichen. Nichtsdestotrotz ist es zu einer seiner meistgelesenen Schriften geworden.
Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten. Zürich: Kein & Aber, 2009. ISBN: 978-3-0369-5269-7. Preis: € 9,90. Dieser Titel kann im digitalen Angebot der Stadtbibliothek Solingen als Hörbuch heruntergeladen werden.
Schlagwörter: Dialektik, Recht behalten, Rhetorik.

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18. September 2010, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Jesse, der Sohn des kanadischen Schriftstellers David Gilmour (geb. 1949), quält sich durch die Schule. Jesse ist sechzehn, ein netter und umgänglicher Junge, beliebt bei den Nachbarn und auch in der Schule, nur ist er eben ein miserabler Schüler und schwänzt den Unterricht, wann er nur kann. Deshalb entschließt sich sein Vater eines Tages zu einem radikalen Schritt: Er bietet Jesse an, er brauche ab sofort nicht mehr zur Schule zu gehen, brauche sich auch keinen Job zu suchen, sondern könne mit seiner Zeit machen, was er wolle. Nur zwei Bedingungen stellt der Vater: Keine Drogen und Jesse muss sich zusammen mit seinem Vater drei Filme in der Woche anschauen, die der Vater aussucht. Jesse ist sofort mit dem Vorschlag einverstanden.
»Unser allerbestes Jahr« (Originaltitel: »The Film Club«) ist der autobiografische Bericht David Gilmours über dieses pädagogische Experiment, bei dem ihm als Vater zu Anfang durchaus nicht ganz wohl ist. Aber mit der Zeit stellt sich heraus, dass Jesse das in ihn gesetzte Vertrauen durchaus zu rechtfertigen weiß: Nach einer Weile sucht er sich sogar einen Job, er macht mit seinem musikalischen Hobby ernst und fängt an, in kleinen Clubs aufzutreten, und er bekommt von seinem Vater wie nebenbei eine Grundausbildung als Filmkritiker.
»Unser allerbestes Jahr« ist ein leichtes, gut lesbares, aber deshalb nicht anspruchsloses Buch über eine Vater-Sohn-Beziehung, die aus der Pubertät des Sohnes gestärkt hervorgeht. Es steht auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2010, ist aber durchaus auch Eltern zu empfehlen.
David Gilmour: Unser allerbestes Jahr. Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. Fischer Taschenbuch 18224. ISBN: 978-3-596-18224-4. Preis: € 9,95.
Schlagwörter: Filme, Pubertät, Vater-Sohn-Beziehung.

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11. September 2010, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Wir lernen Adam Raki (Hugh Dancy) auf der Beerdigung seines Vaters kennen. Auf Anhieb kommt einem der junge Mann etwas verloren vor, und dieser Eindruck verstärkt sich von Minute zu Minute. Adam isst jeden Tag die gleichen Mahlzeiten und arbeitet in einer kleinen Spielzeugfabrik, für die er Prototypen elektronischer Puppen entwickelt. In seiner Freizeit surft er im Internet und interessiert sich hauptsächlich für Astronomie. Freunde scheint Adam keine zu haben bis auf Harlan (Frankie Faison), einen Kriegskameraden seines Vaters, der sich ein wenig um ihn kümmert.
Doch in Adams Leben stehen dramatische Veränderungen bevor: Zum einen bekommt er eine neue Nachbarin, Beth Buchwald (Rose Byrne), eine junge Kinderbuchautorin. Sie findet Adam sofort sympathisch, und da sie sich gerade von ihrem Freund getrennt hat, lernen sich die beiden rasch näher kennen. Zur gleichen Zeit verliert Adam seinen Job und muss sich nach einer neuen Arbeitsstelle umschauen. Für den menschenscheuen und weltfremden Adam ist das eine fast nicht zu bewältigende Aufgabe. Doch Harlan und Beth lassen ihn nicht im Stich …
Regisseur und Autor Max Mayer erzählt in seinem zweiten Spielfilm eine stille Liebesgeschichte, in deren Zentrum ein junger Mann mit Asperger-Syndrom, einer autistischen Erkrankung, steht. Die Darstellung dieser Erkrankung kommt dabei aufgrund der schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers weitgehend ohne Klischees aus. Ein witziger und einfühlsamer Film.
»Adam«. USA, 2009. 1 DVD, 20th Century Fox. Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch. Länge: ca. 95 Minuten. Extras: Audiokommentar des Regisseurs; Making-of; geschnittene Szenen u. alternatives Ende. FSK: ab 6 Jahren. Preis: ca. € 13,–.
Schlagwörter: Autismus, Liebe, Wahrhaftigkeit.

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4. September 2010, 08:00 Uhr
| Autor:
Marius Fränzel
Bei Benjamin Steins Roman »Die Leinwand« handelt es sich schon äußerlich um eine der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen in diesem Jahr. Das Buch enthält zwei Texte, die Rücken an Rücken unter einem Buchdeckel vereint sind. Man kann das Buch also entweder auf der einen oder auf der anderen Seite zu lesen beginnen und begegnet dabei jeweils einer Hälfte des Romans, die wenigstens zu Anfang mit der anderen Hälfte nur wenig zu tun zu haben scheint. Der Autor überlässt es ganz bewusst dem Leser, mit welcher Hälfte er beginnen möchte, oder ob er immer wieder zwischen beiden wechseln möchte.
Erzählt werden die Lebensgeschichten von Jan Wechsler und Amnon Zichroni. Amnon wird in Israel geboren, wächst aber in der Schweiz bei einem Nenn-Onkel auf, der für seine Erziehung sorgt. Amnon hat die bemerkenswerte Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen spontan selbst zu durchleben, wenn er diese Menschen berührt. Jan Wechsler dagegen wächst in Ost-Berlin auf und schlägt sich als mäßig erfolgreicher Schriftsteller und Journalist durch. Beider Leben ist verbunden durch ihre Bekanntschaft mit dem Geigenbauer Minsky, der ein Buch über seine Kindheit in einem NS-Vernichtungslager veröffentlicht hat. Jan Wechsler recherchiert die Lebensgeschichte Minskys und findet heraus, dass dessen vorgebliche Erinnerungen frei erfunden zu sein scheinen. Tatsächlich ist Minsky das Kind Schweizer Eltern und war nie in einem Konzentrationslager interniert. Was diese Enthüllung für Minsky, Amnon und Jan für Folgen hat, soll hier nicht verraten werden. Eine sowohl formal als auch inhaltlich höchst ungewöhnliche Lektüre.
Benjamin Stein: Die Leinwand. München: C.H. Beck, 2010. ISBN: 978-3-406-59841-8. Preis: € 19,95.
Schlagwörter: Erinnerungen, Identität, Judentum.

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