Kategorie: Hörbuch


Schrecklich amüsant

28. August 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Eine siebentägige Karibik-Kreuzfahrt auf einem Luxusliner stellt für viele Menschen einen der höchsten Urlaubsträume dar. Im März 1995 nahm der inzwischen verstorbene US-Schriftsteller David Foster Wallace (1962–2008), dessen Mammutroman »Unendlicher Spaß« in diesem Jahr in deutscher Übersetzung erschienen ist, im Auftrag des US-amerikanischen »Harper’s Magazine« an einer solchen Kreuzfahrt teil. Er hat darüber eine Artikelserie verfasst, die 1997 auch in einer Buchausgabe veröffentlicht wurde. Bereits der Titel »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich« macht klar, dass die Reise bei Wallace nicht zu der vom Veranstalter versprochenen Entspannung geführt hat.

In sehr persönlicher Art und Weise beschreibt Wallace auf knapp 200 Seiten seine Erlebnisse von der Einschiffung in Florida bis zur »Celebrity Show« des letzten Tages. Seine präzisen Beobachtungen und seine pointierte Sprache erzeugen ein umwerfend komisches Bild dieser sieben Tage. Angefangen bei seinen fruchtlosen Versuchen, das Personal beim Aufräumen seiner Kabine zu überraschen, über sein misstrauisches Verhältnis zum Unterdruck-Toiletten-System des Schiffes, seinen Kämpfen mit den Stewards auf dem Sonnendeck bis hin zu seinen Kurzporträts von Mitreisenden, Offizieren und Animateuren trifft jeder Satz, jeder Vergleich den Nagel auf den Kopf. Und Wallace richtet zugleich immer auch einen ironischen Blick auf sich selbst.

Der Schauspieler Dietmar Bär hat diesen amüsanten Reisebericht in einer Produktion des Hessischen Rundfunks ungekürzt vorgelesen.

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Ungekürzte Lesung von Dietmar Bär. München: Der Hörverlag, 2004. 4 CDs mit zus. etwa 275 Minuten Laufzeit. Preis: ca. 15,– €.

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“Maria, ihm schmeckt’s nicht!” Film nach dem Bestseller von Jan Weiler

17. Juli 2010, 22:58 Uhr | Autor: Claudia Elsner-Overberg

Jan schreibt Sachbücher und hat  den Heiratsantrag seiner italienisch-stämmigen Freundin Sara angenommen: Er glaubt, das gäbe eine kleine,  ruhige,  standesamtliche Hochzeit ohne viel Trara. Doch da hat er die Rechnung ohne seinen zukünftigen Schwiegervater  gemacht. Antonio, ein echter italienischer Papa, besteht darauf, dass seine Tochter im Schoße der Familie im tiefsten Apulien heiratet. Widerwillig machen sich die beiden jungen Leute auf die Reise in ein malerisches Örtchen in Süditalien, wo Jan einen Schock nach dem anderen erlebt. Beispielhaft ist der Strandausflug zu nennen: Was für ein Haufen von Zeug schleppen die da zum Meer! Wie kurz vor einem Umzug stapeln sich die Badeuntensilien (haufenweise Sonnenschutzmittel ohne Lichtschutzfaktor!) im Sand. Zur Hochzeitsfeier ist natürlich die ganze Sippschaft  eingeladen: Alle Temperatmente sind vertreten! Jan fragt sich ernsthaft, ob Sara mit Familie wirklich die Richtigen für ihn sind.  “Maria, ihm schmeckt’s nicht” ist eine gelungene Inszenierung des Erfolgsromans von Jan Weiler, die  kurzweilig und spritzig daher kommt.  Die durchweg unsynchronisierte italienische Verwandtschaft überfordert jede/n auf Anhieb: Man leidet mit dem völlig überforderten Jan auf das Innigste mit.

“Maria, ihm schmeckt’s nicht!” nach dem Roman von Jan Weiler. Regie: Neele Leana Vollmar.  Darsteller: Lino Banfi (Antonio, Saras Vater), Christian Ulmen (Jan), Mina Tander (Sara)… Deutschland, Italien, 2009. Constantin-Film. – ca. 94 Min.  FSK o.A.  Prädikat: wertvoll. Empfohlen ab 12 Jahren.

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Geschichten vom Herrn Keuner

26. Juni 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Im November 1947 kehrte Bertolt Brecht fluchtartig aus den USA nach Europa zurück, nachdem er am 30. Oktober vom »Komitee für unamerikanische Umtriebe« verhört worden war. Brecht konnte nur in die Schweiz gehen, da dies das einzige europäische Land war, das dem Staatenlosen den Aufenthalt gestattete. So reiste er über Paris nach Zürich, wo er unmittelbar nach seiner Ankunft Kontakte zum Schauspielhaus knüpfte und sich über Arbeitsmöglichkeiten informierte. Natürlich bemüht er sich vor dort aus auch darum, wieder nach Deutschland zurückkehren zu können, aber diese Aussichten entwickelten sich etwas langsamer. Dennoch erschien schon im Januar 1949 in Berlin Brechts erste Nachkriegsveröffentlichung: »Kalendergeschichten« im Verlag Gebrüder Weiß, der seinen Sitz im Stadtteil Schöneberg hatte. Der Band enthält eine Mischung von Gedichten und Prosa, darunter auch die ersten 39 Keuner-Geschichten.

Seitdem gehören die »Geschichten vom Herrn Keuner« sicherlich zu Brechts bekanntesten und beliebtesten Prosatexten überhaupt. Ihre kurzen, prägnanten Fabeln, die überraschenden, oft dialektischen Pointen, denen man es nicht übel nimmt, dass sie einen offensichtlich zum Nachdenken zwingen wollen, machen ihren Reiz aus:

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: »Sie haben sich gar nicht verändert.« »Oh!« sagte Herr K. und erbleichte.

Die Stadtbibliothek Solingen hat neben den »Kalendergeschichten« auch eine CD mit einer Lesung der »Geschichten vom Herrn Keuner« durch Manfred Krug im Bestand.

Bert Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2006. ISBN: 978-3-518-36516-8. Preis: € 6,00.

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Die Nacht ist aus Tinte gemacht

10. Mai 2010, 16:08 Uhr | Autor: Claudia Elsner-Overberg

Herta Müller, die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2009,  erzählt in diesem Hörbuch über ihre Kindheit im Banat. Der Titel machte mich neugierig: Nach der “Atemschaukel”, deren besondere Sprache mich fasziniert hatte, wollte ich mehr über die Autorin wissen.

Sie beschreibt in einfachen Sätzen ihre  Einsamkeit in der dörflichen,  sozialistischen Gesellschaft: Herta Müller war anders, besaß einen fantasievollen Zugriff auf die kleine Welt, in der sie lebte. Im Banat ist es flach, die Menschen sind Bauern und mussten nach der Enteignung durch den Staat hart auf den LPG-Feldern, die ihnen zuvor gehört hatten, arbeiten. Man ist katholisch, das Kapitel über die ‘Beichte’ brachte mich zum Schmunzeln, auch das Kapitel über das ‘Akkordeon’ erinnerte mich an meine eigenen, ungeliebten  Musikstunden am Klavier.

Herta Müller erzählt von ihren Kindheitsängsten,  dem Alkoholismus des Vaters und der  Deportation der Mutter in ein sibirisches Arbeitslager. All das  war prägend für sie: Die Banater Schwaben wurden ebenso wie die Siebenbürger Sachsen  kollektiv als  Mittäter und Mitläufer für die Verbrechen der Nazis bestraft. Die Bespitzelung durch den Staat gaben der Autorin wohl die  Widerstandkraft, in den Westen auszureisen: Mehrmals dachte sie daran, sich umzubringen. Sie tat es am Ende nicht, weil sie damit dem Staat und dem Geheimdienst  einen Gefallen getan hätte. Herta Müller erzählt sehr authentisch und in klarer, schnörkelloser Sprache. Die Überschriften der einzelnen Kaptitel scheinen sie wie ein Stichwortverzeichnis zum Erzählen zu bringen: Der Ton wirkt fast emotionslos und ist doch ergreifend. Der besondere Dialekt unterstreicht diese Wirkung.

“Die Nacht ist aus Tinte gemacht”. Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat. Berlin: supposé, 2009. 2 Audio-CDs, 116 Min. ISBN 978-3-932513-88-6. – 24,80 Euro


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Madame Bovary

17. Oktober 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Mit Gustave Flauberts (1821–1880) Romans »Madame Bovary« beginnt die Geschichte des modernen Romans. Bereits der gekürzte Vorabdruck in der »Revue de Paris« im Jahr 1856 löste einen Literaturskandal aus, als man versuchte, das Buch gerichtlich verbieten zu lassen, da man in ihm einen Verstoß gegen die guten Sitten und die öffentliche Moral sah. Das Gericht folgte zwar den Vorwürfen des Staatsanwaltes nicht und sprach den Autor und den Herausgeber der Zeitschrift frei, aber natürlich sicherte der spektakuläre Prozess der ungekürzten Buchausgabe einen grandiosen Erfolg. Flaubert schrieb dazu am 1. Januar 1857 an seinen Bruder Achille:

Ich werde der Löwe der Woche werden, alle Weibsbilder von Rang reißen sich die Bovary aus den Händen, um Obszönitäten darin zu suchen, die sie nicht enthält.

Tatsächlich ist das Buch für den heutigen Geschmack weniger moralisch anstoßend als in seiner unbarmherzigen Konsequenz erschreckend. Erzählt wird die Ehegeschichte von Charles und Emma Bovary, einem Arztehepaar, das in der Normandie lebt. Emma ist ein junges, in der Welt wenig erfahrenes Mädchen, deren Vorstellungen vom Leben in der Hauptsache aus gefühlvollen Romanen stammen. Doch das Leben mit ihrem braven und provinziellen Ehemann erfüllt keine ihrer Erwartungen, und so lässt sie sich aus Langeweile und Enttäuschung auf verschiedene Affären ein. Auch macht sie aus Gefallsucht gedankenlos immer mehr Schulden, so dass sich ihre Situation schon bald ausweglos zuspitzt …

Ich empfehle, diesen Klassiker in der brillanten Komplettlesung Gert Westphals anzuhören.

Gustave Flaubert: Madame Bovary. Ungekürzte Lesung von Gert Westphal. Berlin: Universal / Deutsche Grammophon, 2005. 11 CDs mit zus. etwa 810 Minuten Laufzeit. Preis: ca. 42,– €.

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