Der Hals der Giraffe

5. November 2011, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Der Hals der Giraffe ist eines der erstaunlichen Beispiele für die Anpassung einer biologischen Art an ihre Lebenswelt. Er umfasst bekanntlich exakt dieselbe Anzahl von Wirbeln wie der des Menschen. Die Vorfahren der Giraffen waren Waldbewohner und glichen dem Okapi. Als die Art gezwungen war, ihr Leben in der afrikanischen Savanne zu bestreiten, wichen sie der Konkurrenz mit den dort lebenden Grasfressern aus, indem sie sich auf die Blätter der Bäume spezialisierten. Von Generation zu Generationen waren jene Exemplare erfolgreicher, die einen längeren Hals hatten, bis schließlich das heutige Wundertier entstand.

Die junge, aus Greifswald stammende Autorin Judith Schalansky (geb. 1980) legt mit ihrem Roman »Der Hals der Giraffe« einen der dichtesten Romane der letzten Jahre vor. Erzählt wird die Geschichte der Biologie- und Sportlehrerin Inge Lohmark, die in einer kleinen Kreisstadt in Vorpommern an einem Gymnasium unterrichtet. Die Schule steht vor der Schließung, weil einfach nicht mehr genug Kinder da sind. Die 9. Klasse, die Lohmark unterrichtet, wird die letzte sein, die an dieser Schule Abitur macht. Inge Lohmark ist 55 Jahre alt, in der DDR aufgewachsen und dort ausgebildet worden und sieht nun ihrem vorzeitigen Ruhestand entgegen. Sie verachtet ihre Schüler und Kollegen, hat sich mit ihrem Mann auseinandergelebt, und auch ihre Tochter will nichts mehr von der Mutter wissen. Auf nur 220 Seiten erschafft Schalansky das Porträt einer Gescheiterten, die sich in ihrer Verbitterung in eine darwinistische Ideologie flüchtet und dennoch ihre Gefühle nie ganz unter Kontrolle halten kann.

Unbedingt lesenswert!

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman. Berlin: Suhrkamp, 2011. ISBN: 978-3-518-42177-2. Preis: € 21,90.

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Mutmassungen über Jakob

25. Juli 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Am 20. Juli 2009 wäre der Schriftsteller Uwe Johnson 75 Jahre alt geworden, wenn er nicht schon gut 25 Jahre zuvor an den Folgen seiner Alkoholsucht gestorben wäre. Sein vierbändiger Roman »Jahretage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl« ist heute schon ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Und einige seiner Bücher haben es sogar bis in den Kanon der Schullektüre geschafft; an prominenter Stelle seine »Mutmassungen über Jakob«, die schon durch das fehlende »ß« im Titel auffallen. Dieser Buchstabe fehlt auch sonst im ganzen Buch, und was die meisten Leser zusätzlich verstört, ist die eigenwillige Zeichensetzung Johnsons.

Die »Mutmassungen« sind ein guter Einstieg in die literarische Welt Uwe Johnsons, denn sie sind eine Art von Vorspiel zu den »Jahrestagen«. Erzählt wird die Geschichte von Jakob Abs, Beamter der Reichsbahn, der im Herbst 1956 im Alter von nur 28 Jahren von einer Lokomotive überfahren wird. Es bleibt unklar, ob es sich dabei um einen Unfall, Selbstmord oder vielleicht sogar um einen politisch motivierten Mord handelt. Jakob ist der Geliebte Gesine Cresspahls, die 1956 bereits in den Westen geflüchtet ist und dort für die NATO arbeitet. Auch seine Mutter lebt in der BRD, während Jakob in der DDR versucht, ein unpolitisches Leben zu führen, was ihm aber nicht gelingen kann. Aufgrund seiner Verbindungen in die BRD steht er unter ständiger Beobachtung der Militärischen Spionageabwehr der DDR, deren Ziel es ist, Gesine als Spionin anzuwerben. Als Jakob zu Gesine in den Westen fährt, kehrt er nach nur wenigen Tagen in die DDR zurück. Noch am selben Abend geht er wie immer quer über die Gleise …

Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob. Suhrkamp Taschenbuch 3128. ISBN: 978-3-518-39628-5. Preis: € 9,50.

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Alle sterben, auch die Löffelstöre

29. Mai 2009, 16:00 Uhr | Autor: Irene Burgdorf

“Liebe Skarlet, das ist ein Brief aus dem Jenseits, aber Du bist eine der ganz wenigen, denen ich zutraue, mit der makraben Situation umzugehen.”

So beginnt der letzte Brief, den Paul an Skarlett schreibt, und damit beginnt auch dieser Roman.

Es ist die Geschichte von Paul und Skarlet, aufgewachsen in der damaligen DDR und beste Freunde seit Kindertagen, aber niemals ein Paar. Gemeinsam überstehen sie die Zeit im Kindergarten bei “Tante Edeltraut”, geben sich gegenseitig Halt in Schule, Ausbildung und Studium und erleben voller Euphorie den Herbst 1989. Obwohl sie völlig unterschiedliche Lebenswege gehen, bleiben sie immer miteinander verbunden.

Und jetzt ist Paul tot. Mit 40 Jahren ist er einen Tag vor Silvester an  Krebs gestorben. Gerade hat er Judith geheiratet und sein Sohn Lukasist erst ein paar Monate alt.

Skarlet soll Pauls Grabrede halten: “…ein bisschen Geschichte erzählen ohne Pathos.”  Zwischen den Beerdigungsvorbereitungen mit Judith ( Sie bemalen Pauls Sarg) blickt Skarlet zurück, erinnert sich an eben diese Geschichten, die sie erzählen soll.

Kathrin Ähnlich (geb. 1957 in Leipzig) hat einen wunderschönen Roman geschrieben, über eine Freundschaft, den Tod, Träume und Geschichte und Geschichten aus der ehemaligen DDR. Es ist ein heiterer und trauriger Roman, manchmal witzig und hintergründig, immer bewegend. Einfach schön!

Übrigens, wer nicht weiß, was Löffelstöre sind, erfährt das in diesem Roman und auch, wie es zu diesem merkwürdigen Titel kam.

Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die Löffelstöre. – Hamburg (u.a.): Arche-Literatur-Verlag, 2007. – 250 S. ISBN 3716023663,  19,00€

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Das steinerne Herz

18. April 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Im Jahr 1954 mietet sich in  dem kleinen Städtchen Ahlden in der Lüneburger Heide ein Fremder beim Ehepaar Thumann ein: Walter Eggers, ein Hobby-Historiker, der hauptsächlich an der Geschichte des Königreichs Hannover interessiert ist. Seine Wahl, sich bei den Thumanns einzumieten, erweist sich als nicht ganz zufällig. Frieda Thumann ist die Enkelin des hannöverschen Statistikers Jansen, dessen Jahrbücher Eggers für seine geplante Personalkartei des Königreichs Hannover benötigt.

Karl Thumann ist von Beruf Lastwagenfahrer, den seine Touren regelmäßig durch die DDR nach Berlin und zurück führen. Er hat dort eine Geliebte, Line Hübner, die in Ost-Berlin in einer Gartenlaube lebt. Zum Ausgleich hält sich Frieda schon bald an ihrem neuen Untermieter schadlos, dem sie seine Liebesdienste mit den von ihm begehrte Jahrbüchern entlohnt.

Walter Eggers nutzt die Gelegenheit, mit Karl nach Berlin zu fahren. Er hat vor, in der Berliner Staatsbibliothek ein Buch zu stehlen, bzw. es gegen eine andere Auflage desselben Buches auszutauschen. Nach Ahlden zurückgekehrt, will er  sich nach einiger Zeit heimlich aus dem Staub machen, als eine überraschende Entdeckung all seine Pläne über den Haufen wirft …

Arno Schmidt hat mit seinem »historischen Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi« ein überraschend genaues und detailreiches Bild der beiden deutschen Staaten der 50er-Jahre geliefert. Besonders aufgrund seiner kritischen Haltung dem Adenauer-Staat gegenüber wurde der Roman 1956 nur in einer politisch entschärften Fassung gedruckt. Erst 30 Jahre später erschien  erstmals die ungekürzte Fassung des Textes.

Arno Schmidt: Das steinerne Herz. München: Süddeutsche Zeitung, 2008. ISBN: 978-3-86615-548-0. Preis: € 5,90.

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