So viele wie möglich

18. August 2011, 21:56 Uhr | Autor: Claudia Elsner-Overberg

Diese  Erzählung der Solinger Autorin Sandy Green ist vor wenigen Wochen eschienen. Sie umfasst 90 Seiten und schließt sich thematisch an den Roman „Zaunkönigin“ an, der im Jahr 2010 publiziert wurde. Das schöne  Buchcover haben Schülerinnen und Schüler des Technischen Berufskollegs in Solingen gestaltet.

Sandy Green schreibt in ihren Vorwort, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert und die Protagonistin wirklich gelebt hat. Niemand weiß jedoch, wie sie hieß oder wie sie genau aussah, und so lässt Sandy Green diese Frau lebendig werden und nennt sie Maria.

Maria wächst auf dem Land in Polen auf. Die Familie ist katholisch, und der Glaube an Gott und die Verehrung der Jungfrau Maria spielen eine große Rolle in ihrem Leben. Die Mutter ist streng, der liebevollere Vater muss Maria, die ihrem christlichen Namen bei allem gerecht werden soll, öfter vor ihr verteidigen. Gleich zu Beginn der Geschichte wird sie schon gescholten: Sie hat die Messe versäumt und wird von der Mutter ausgeschimpft. Doch Maria hat eigentlich etwas Gutes getan. Ein Kätzchen sollte ertränkt werden, und sie hat es aus dem Wasser gefischt. Der Vater erlaubt ihr schließlich, das Kätzchen zu behalten und sagt dabei:  „Du weißt, dass du nicht alle retten kannst.“

Maria ist auf der nächsten Seite bereits erwachsen. Ihr Vater ist gestorben und sie wohnt bei ihrer Freundin Agnieszka in Krakau. Nicht weit entfernt liegt das Krakauer Judenghetto. Maria hat sich entschlossen, Rot-Kreuz-Schwester zu werden, will helfen und das Elend lindern. Beim Durchqueren des Ghettos – die Rot-Kreuz-Stelle liegt dahinter – sieht sie so viel Schreckliches, dass sie als Krankenschwester nun täglich in die Judenstadt fährt und dort die sterbenden Menschen behandelt, ihnen die Wunden verbindet und sie tröstet.  Die Kinder rühren sie am meisten und Maria stellt sich Gottes Herausforderung:  Sie wird versuchen, jüdische Kinder an den SS-Wachmänner vorbei aus dem Ghetto zu schmuggeln.

Diese Geschichte setzt sich nicht originär mit dem Nationalsozialismus auseinander. Sie beschreibt vielmehr den Mut und den selbstlosen Willen einer Frau, die durch Gott die Kraft zum leisen Widerstand erfährt.

Sandy Green: So viele wie möglich. Erzählung. – Solingen, custos-Verlag, 2011. – 90 Seiten. ISBN 978-3-943195-00-2

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Die Leinwand

4. September 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Bei Benjamin Steins Roman »Die Leinwand« handelt es sich schon äußerlich um eine der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen in diesem Jahr. Das Buch enthält zwei Texte, die Rücken an Rücken unter einem Buchdeckel vereint sind. Man kann das Buch also entweder auf der einen oder auf der anderen Seite zu lesen beginnen und begegnet dabei jeweils einer Hälfte des Romans, die wenigstens zu Anfang mit der anderen Hälfte nur wenig zu tun zu haben scheint. Der Autor überlässt es ganz bewusst dem Leser, mit welcher Hälfte er beginnen möchte, oder ob er immer wieder zwischen beiden wechseln möchte.

Erzählt werden die Lebensgeschichten von Jan Wechsler und Amnon Zichroni. Amnon wird in Israel geboren, wächst aber in der Schweiz bei einem Nenn-Onkel auf, der für seine Erziehung sorgt. Amnon hat die bemerkenswerte Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen spontan selbst zu durchleben, wenn er diese Menschen berührt. Jan Wechsler dagegen wächst in Ost-Berlin auf und schlägt sich als mäßig erfolgreicher Schriftsteller und Journalist durch. Beider Leben ist verbunden durch ihre Bekanntschaft mit dem Geigenbauer Minsky, der ein Buch über seine Kindheit in einem NS-Vernichtungslager veröffentlicht hat. Jan Wechsler recherchiert die Lebensgeschichte Minskys und findet heraus, dass dessen vorgebliche Erinnerungen frei erfunden zu sein scheinen. Tatsächlich ist Minsky das Kind Schweizer Eltern und war nie in einem Konzentrationslager interniert. Was diese Enthüllung für Minsky, Amnon und Jan für Folgen hat, soll hier nicht verraten werden. Eine sowohl formal als auch inhaltlich höchst ungewöhnliche Lektüre.

Benjamin Stein: Die Leinwand. München: C.H. Beck, 2010. ISBN: 978-3-406-59841-8. Preis: € 19,95.

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Jüdische Witze

6. März 2010, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Vor 50 Jahren erschien im Schweizer Olten-Verlag eine soziologische Studie der damals noch gänzlich unbekannten Salcia Landmann (1911–2002). Es handelte sich um einen kulturhistorischen Aufsatz, der sich mit dem Phänomen des jüdischen Humors beschäftigte. Was das Buch aber zu einem außergewöhnlichen Erfolg machte und weshalb es bis heute immer noch im Druck ist, ist nicht dieser Aufsatz, sondern dass Salcia Landmann, quasi als Anhang, ihre Sammlung jüdischer Witze abdrucken ließ, die sie in vielen Jahren gesammelt hatte: Den knapp 50 Seiten der Studie folgen immerhin gut 200 Seiten mit Witzen.

Dieser ersten Sammlung jüdischen Humors nach dem Zweiten Weltkrieg sind inzwischen zahlreiche andere gefolgt, aber das Büchlein von Salcia Landmann ragt immer noch ein Stück aus der Konkurrenz heraus, weil es den jüdischen Witz in seinen zahlreichen Facetten dokumentiert. Einige der Witze könnten mit kleinen Abwandlungen genau so gut als »christliche« Witze durchgehen (falls es so etwas gibt), aber die meisten spiegeln doch jüdische Kultur und Lebenserfahrung wider:

Ein Kosak und ein Jude stehen vor dem Richter. Der Jude behauptet, der Kosak habe ihm sein Pferd gestohlen.
»Nein, ich habe das Pferd gefunden«, behauptet der Kosak.
Der Jude fängt an zu schreien: »Wie heißt: gefunden? Ich habe auf dem Pferd gesessen! Er hat mich mit Peitschenhieben und Fauststößen auf die Straße hinuntergeworfen!«
»Stimmt das oder nicht?« will der Richter wissen.
»Nun ja«, gibt der Kosak zögernd zu, »ich habe sie beide gefunden, den Juden und das Pferd, aber für den Juden hatte ich keine Verwendung.«

Salcia Landmann: Jüdische Witze. dtv 21017. ISBN: 978-3-423-21017-1. Preis: € 9,95. Dieser Titel kann in der Stadtbibliothek Solingen über die Bergisch-Bib entliehen werden.

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Geschichte der Juden

21. November 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Von Zeit zu Zeit lohnt es sich auch für erwachsene Leser einmal, einen Blick in ein Jugendbuch zu werfen. Lutz van Dijk (geb. 1955 in Berlin), ehemaliger Sonderschullehrer, hat zahlreiche Sachbücher für Jugendliche geschrieben, darunter auch eine Geschichte des jüdischen Volkes, die im vergangenen Jahr in einer dritten, aktualisierten Auflage erschienen ist. Folgt man dem jüdischen Selbstverständnis, das die Geschichte der Juden mit dem Stammvater Abraham anheben lässt, so hat das jüdische Volk mit seinem Alter von 4.000 Jahren die älteste ununterbrochene Kulturtradition der westlichen Hemisphäre.

Lutz van Dijk folgt dieser Geschichte von diesen babylonischen Anfängen an. Er erzählt die wichtigsten Episoden der historischen Entwicklung nach, wie sie sich im Alten Testament findet, und schließt eine Darstellung der historischen Ereignisse bis in die Gegenwart an. Er konzentriert sich dabei in den verschiedenen Epochen immer wieder auf einzelne Figuren, die er entweder in erfundenen Monologen oder aber auch mit ihren eigenen Schriften zu Wort kommen lässt. So berichtet einerseits etwa Abrahams Sklavin Hagar davon, wie sie die Mutter Ismaels wurde, oder Aaron erzählt, wie es zum Tanz um das goldene Kalb kam. Andererseits kommen zum Beispiel Anne Frank und Hanna Arendt in Zitaten zu Wort.

Der Kenner findet sicherlich das eine oder andere Detail, das er gern ausführlicher oder differenzierter dargestellt haben würde, aber allen Lesern, die eine gut geschriebene und alles im allem zuverlässige Einführung in das Thema suchen, kann dieses Jugendbuch ohne Einschränkung empfohlen werden.

Lutz van Dijk erzählt die Geschichte der Juden. Frankfurt/M.: Campus Vlg., 3. Aufl. 2008. ISBN: 978-3-593-38537-2. Preis: € 19,90. Dieses Buch kann in der Stadtbibliothek Solingen (Bergisch eMedien) auch als eBook ausgeliehen werden.

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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

12. September 2009, 08:00 Uhr | Autor: Marius Fränzel

Meyer Landsman ist ein alternder, etwas heruntergekommener Beamter der Mordkommission von Sitka in Alaska. Er ist geschieden, hat ein Alkoholproblem und steht außerdem unmittelbar davor, seinen Job zu verlieren. Da wird er eines Tages in dem Hotel, in dem er wohnt und das auch schon bessere Tage gesehen hat, vom Portier gebeten, sich einen anderen Gast anzuschauen, der offensichtlich ermordet worden ist. Er nannte sich Emanuel Lasker, schien drogensüchtig und Schachspieler zu sein. Meyer Landsman nimmt zusammen mit seinem Kollegen Berko Shemets die Untersuchung des Falles auf und entdeckt bald, dass der vorgebliche Lasker in Wirklichkeit Mendel Shpilman hieß und der Sohn eines der einflussreichsten Rabbiner von Sitka war.

Spätestens an dieser Stelle muss die Besonderheit dieses Kriminalromans erwähnt werden: Autor Michael Chabon lässt seine Geschichte in einem jüdischen Distrikt in Alaska spielen. Sein Sitka ist seit 60 Jahren von Juden bewohnt und verwaltet worden. Im Gegensatz zu der uns bekannten Weltgeschichte verläuft die in Chabons Roman deutlich anders: Die US-Amerikaner habe während des Zweiten Weltkriegs in bedeutendem Umfang jüdische Flüchtlinge aus Europa aufgenommen und in Alaska angesiedelt. Der Staat Israel dagegen ist bereits 1948 im Krieg gegen die Araber wieder untergegangen.  Sitka ist daher das einzige zusammenhängende jüdische Siedlungsgebiet. Dort lebt eine Gemeinschaft mit eigener Kultur und Sprache, eigenen Sitten und Gesetzen.

Chabon ist mit dieser alternativen Weltgeschichte ein ganz außergewöhnlicher Wurf gelungen, der aus einem eher traditionellen Kriminalroman ein überraschendes Leseabenteuer macht.

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten. dtv 13793 ISBN: 978-3-423-13793-5. Preis: € 9,90. Dieser Titel kann in der Stadtbibliothek Solingen über die Bergisch-Bib entliehen werden.

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