Die Nacht ist aus Tinte gemacht
10. Mai 2010, 16:08 Uhr | Autor: Claudia Elsner-OverbergHerta Müller, die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2009, erzählt in diesem Hörbuch über ihre Kindheit im Banat. Der Titel machte mich neugierig: Nach der “Atemschaukel”, deren besondere Sprache mich fasziniert hatte, wollte ich mehr über die Autorin wissen.
Sie beschreibt in einfachen Sätzen ihre Einsamkeit in der dörflichen, sozialistischen Gesellschaft: Herta Müller war anders, besaß einen fantasievollen Zugriff auf die kleine Welt, in der sie lebte. Im Banat ist es flach, die Menschen sind Bauern und mussten nach der Enteignung durch den Staat hart auf den LPG-Feldern, die ihnen zuvor gehört hatten, arbeiten. Man ist katholisch, das Kapitel über die ‘Beichte’ brachte mich zum Schmunzeln, auch das Kapitel über das ‘Akkordeon’ erinnerte mich an meine eigenen, ungeliebten Musikstunden am Klavier.
Herta Müller erzählt von ihren Kindheitsängsten, dem Alkoholismus des Vaters und der Deportation der Mutter in ein sibirisches Arbeitslager. All das war prägend für sie: Die Banater Schwaben wurden ebenso wie die Siebenbürger Sachsen kollektiv als Mittäter und Mitläufer für die Verbrechen der Nazis bestraft. Die Bespitzelung durch den Staat gaben der Autorin wohl die Widerstandkraft, in den Westen auszureisen: Mehrmals dachte sie daran, sich umzubringen. Sie tat es am Ende nicht, weil sie damit dem Staat und dem Geheimdienst einen Gefallen getan hätte. Herta Müller erzählt sehr authentisch und in klarer, schnörkelloser Sprache. Die Überschriften der einzelnen Kaptitel scheinen sie wie ein Stichwortverzeichnis zum Erzählen zu bringen: Der Ton wirkt fast emotionslos und ist doch ergreifend. Der besondere Dialekt unterstreicht diese Wirkung.
“Die Nacht ist aus Tinte gemacht”. Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat. Berlin: supposé, 2009. 2 Audio-CDs, 116 Min. ISBN 978-3-932513-88-6. – 24,80 Euro
Schlagwörter: Banat, Banater Schwaben, Herta Müller, Kindheit, Rumänien.

